Auf der VegMed in Berlin dieses Jahr erzählte Dr. med. Annette Jänsch, Fachärztin für Innere Medizin in der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, über ihre Erfahrungen zum Thema vegane Ernährung und Fasten bei der Chemotherapie.

Eine Studie des US-Biologen Valter Longo sorgte vor sechs Jahren für Aufsehen, da er leider in Tierversuchen an der Universität von Kalifornien herausfand, dass sich kurzzeitiges Fasten positiv auf die Effektivität und Verträglichkeit einer Chemotherapie auswirken kann. „Sobald dem Körper über eine gewisse Zeitspanne wenig oder gar keine Energie mehr zugeführt wird, schaltet er in einen ‚Sparmodus‘ um. Dadurch verlangsamt sich auch die Zellteilung. Eine Chemotherapie schädigt die Zellen wiederum nur in diesem Stadium der Teilung. Dieser Schutzmechanismus funktioniert bei Tumorzellen aber nicht – denn sie sind nicht in der Lage, ihren Stoffwechsel zu drosseln,“ erklärt Jänsch.

Wie ist ein Fasten während einer Chemotherapie durchführbar? Was muss man dabei beachten? Ist eine vegane Ernährung während der Chemotherapie ähnlich wirksam? Dr. Jänsch und Dr. Liebscher, die jährlich viele Patienten naturheilkundlich durch die Chemotherapie begleiten, gaben in Berlin auf der VegMed gemeinsam mit einer Patientin, die selbst beide Ernährungsformen während ihrer Chemotherapie ausprobiert hat, Antworten auf diese Fragen.

Krebspatienten fürchten die Müdigkeit

Das was die Ärzte und Patienten am meisten bei einer Chemotherapie fürchten, ist das Fatigue-Syndrom. Am dritten und vierten Tag nach der Chemotherapie sind die Patienten so erschöpft, dass sie nicht mal ihre Morgentoilette im Bad alleine erledigen können: „Das war der überzeugendste und deutlichste Parameter, den wir bei der Untersuchung der Frauen gefunden haben. Sie waren wesentlich weniger erschöpft und einige verzichteten sogar auf das Fasten und ernährten sich einfach vegan während der letzten Chemozyklen,“ erklärte Dr. Jänsch.

Warum geht es den Mäusen besser, wenn sie fasten? Warum bildet sich bei den Mäusen, die gefastet haben, der Tumor wieder ganz zurück und die anderen, die nicht gefastet haben, sind gestorben? Das war die Fragestellung von Professor Longo, die er gut beantworten konnte. Wenn der Körper weniger Nahrung bekommt, so hat er genetisch programmiert eine Antwort darauf parat. In früheren Zeiten mussten wir immer wieder Phasen mit wenig oder gar keiner Nahrung überstehen und sind deshalb gut darauf vorbereitet.

Gesunde Zellen schützen, Tumorzellen nicht

Nach 24 bis 36 Stunden geht der Körper in den Sparmodus und die gesunden Zellen bilden eine Schicht von Antioxidantien um sich herum, welche die Zelle schützt. Dies können aber nur gesunde Zellen, Tumorzellen sind hierzu nicht in der Lage. Diesen Mechanismus haben die beiden Ärztinnen bei den Teilnehmern der Pilotstudie genutzt. Fasten funktioniert gut, wenn die Patienten alle drei Wochen eine Chemotherapie bekommen.

 

„Aber was passiert, wenn jede Woche eine ansteht? Ein Mangel an Glukose durch das Fasten führt dazu, dass der Körper weniger Insulin ausschüttet. Insulin transportiert immer ein Hormon mit, das auch das Wachstum von Krebszellen stimuliert. Indem wir Glukose vermeiden, verhindern wir diese Stimulation. Auch bestimmte Aminosäuren in tierischen Eiweißen wirken sich positiv auf Tumorwachstum und -ausbreitung aus. Wenn wir also auf tierische Produkte verzichten, reduzieren wir diese Aminosäuren im Körper,“ erklärt sie.

Patientin schildert ihre Erfahrungen

Im Herbst 2016 bekam Dagmar Kallmeyer, Mutter von drei Kindern, die Diagnose Krebs. Sie entschied sich für eine Chemotherapie. Dr. Jänsch konnte sie gemeinsam mit ihrem Chef Andreas Michalsen für ihre Studie gewinnen. So begann Dagmar Kallmeyer mit der Kombination aus Chemotherapie und Fasten.

Montag war ein Entlastungstag mit veganer Schonkost wie beispielsweise einer Gemüsesuppe und Nüssen. Ab 18 Uhr hört man auf zu essen, dann wird nur noch getrunken: „Der Dienstag ist ein reiner Trinktag. Die Patienten müssen 2,5 bis 3 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, warmes oder kaltes Wasser ohne Sprudel und dünne Kräutertees. Zum Frühstück gibt es ein Glas Gemüsesaft, zu Mittag eine Gemüsebrühe und am Abend noch einmal Gemüsesaft. Wichtig ist auch, dass sie sich eine Stunde am Tag bewegen. Für Mittwoch, den Chemotherapie-Tag gilt das Gleiche – nur, dass die Patienten nicht so viel trinken müssen. Am Donnerstag um 14 Uhr können die Patienten dann wieder langsam anfangen zu essen,“ erklärt Jänsch bei ihrem Vortrag.

Dagmar Kallmeyer: „Es klingt vielleicht verrückt, aber ich habe mich richtig auf die Chemotherapie gefreut, da ich danach wieder etwas essen durfte. Dadurch dachte ich nicht mehr an die Giftstoffe bei der Chemo, sondern nur noch an das Essen danach.“ Mittwochnachmittag lag sie immer auf dem Sofa und hat sich bewusst die Auszeit genommen und sich ausgeruht.

Donnerstag früh ging sie immer einkaufen und schnippelte zu Hause das Gemüse und freute sich auf das leckere Essen. In den ersten drei Wochen bekam sie alle drei Wochen eine Chemotherapie und fühlte sich in der Zeit nur den Mittwoch nach der Chemotherapie schlapp. Morgens fuhr sie sogar mit dem Rad zur Klinik und schob es danach nach Hause, weil sie meistens ziemlich müde war.

Vegan schlemmen bis zur Chemotherapie

Nach drei Monaten fasten, stand drei Monate lang wöchentlich eine Chemotherapie an und hier begann auch das vegane Fasten: „Das war fast noch besser, da ich einen ganz neuen Geschmackssinn entwickelt habe. Hier konnte sie in den 36 Stunden Nüsse essen, Vollwertreis, Kartoffeln, Gemüse. Ich habe mich richtig gesehnt nach diesen gesunden Sachen. Das Ausprobieren hat mir richtig Spaß gemacht, neue Nüsse probieren, Linsenmischungen uvm.“

Ihr hat diese Form der Ernährung genauso gut getan, wie vorher das Fasten. Viele Patienten bekommen während der Chemotherapie Probleme, dass zum Beispiel die Zehennägel ausfallen oder sie Schmerzen in den Nervenbahnen bekommen. Sie hatte nach der zwölften Chemotherapie geringe Schmerzen in drei Zehen, mehr nicht.

Jeden Tag sollten die Patientinnen eine Stunde spazieren gehen, um den Kreislauf in Gang zu bringen. Während der Zeit des veganen Fastens sollten die Patientinnen statt zu fasten, sich gesund vegan ernähren inklusive Kohlenhydraten wie Vollkornhafer, Kartoffeln und Vollwertreis. Auf Obst sollten sie verzichten genauso auf Rote Bete und Möhren, da sie viel Zucker also Glukose enthalten. Pflanzenmilch war erlaubt. Zwischen den Chemotherapien wurde eine vegetarische Ernährung mit sehr kleinen Mengen an Milchprodukten empfohlen.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum warnt

Da die Pilotstudie nur 34 Patienten umfasste und somit eine sehr kleine Studie war, sind die Ergebnisse nur ein erster Hoffnungsschimmer. Man kann daher das Fasten während der Chemotherapie nicht empfehlen. Dafür wären weitere Studien mit wesentlich mehr Patienten nötig. Es ist auch nicht für alle Krebsarten zu empfehlen, da bei manchen Arten Chemotherapien zwei bis drei Tage gehen. So lange kann man das Fasten Patienten nicht zumuten. Hier sollte man nur die täglichen Kalorien reduzieren und vor allem auf tierische Produkte verzichten. Fasten hilft auch nur bei örtlichen Tumoren wie beispielsweise bei Brust-, Magen- oder Darmkrebs. Bei Leukämie werden andere Therapien angewendet.

Ganz wichtig ist auch eine fachärztliche Begleitung beim Fasten, da Betroffene auf keinen Fall alleine Fasten sollten.


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