Veganer Gregor Iwanoff läuft den Yukon Arctic Ultra im kanadischen Winter

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-igIm Februar 2017 wollte der vegan lebende Abenteurer und Ausdauerathlet  Gregor Iwanoff eigentlich beim Yukon Arctic Ultra starten. Dies ist ein 500 Kilometer non-stop Ultra-Marathon-Lauf durch die winterliche Landschaft des kanadischen Yukon bei Temperaturen von minus 50 Grad Celsius. Seine Verpflegung zieht er auf einem Schlitten hinter sich her. Doch eine Verletzung am Bein und eine Operation am Kopf machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Das Interview führte ich mit ihm als noch Hoffnung auf Genesung bestand. 

Da ich selber schon seit vielen Jahren vom Polarvirus befallen bin, fast alle Bücher über Nansen, Shackleton und Amundsen gelesen habe und sogar in antiquarischer Form besitze, musste ich Gregor einfach interviewen.

Dazu muss man wissen, dass er bis vor zehn Jahren überhaupt keinen Sport getrieben hat, da ihm Ärzte wegen einer Gelenkerkrankung in seiner Jugend dazu geraten hatten. Damals arbeitete er als Talentscout einer großen Plattenfirma und ernährte sich sehr ungesund. Wie schaffte er die Transformation von der Couch-Potato zum Ausdauerathleten?

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-fb-3Hallo Gregor, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Was waren damals deine Gedanken, als du einfach vor die Tür deiner Berliner Wohnung gegangen und los gelaufen bist?

„Es war etwas anders, ich bin nicht vor die Tür, sondern von der Arbeit nach Hause gegangen und hatte ganz normale Kleidung an. Ich habe nichts gedacht. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern. Ich bin einfach losgelaufen, als Impuls. Ich bin aber ganz langsam gejoggt. Ich hatte sogar noch eine Einkaufstüte in der Hand, die habe ich in den Müll geschmissen, weil es nicht wichtig war.

Ich bin einfach losgelaufen, und weil ich das so viele Jahre nicht gemacht hatte, war das ein ganz neues Gefühl für mich. Die Abendsonne hat geschienen und die Luft war schön warm. Es war ein ganz schönes Gefühl, und obwohl das ein ganz normaler Tag war, war das was ganz Besonderes.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-hardangervidda-5Wie weit bist du gekommen? Hattest du irgendwelche Beschwerden?

„Ich bin nicht weit gekommen und hatte keine Beschwerden, weil ich ganz langsam gelaufen bin. Es sind zum Teil noch Fußgänger an mir vorbei gegangen. Aber ich habe da schon etwas gemacht, was ich später als so eine Art Regel hatte: Wenn ich laufen gehe, dann ist das ja mein eigenes Geschäft und meine eigene Sache. Die Spielregeln bestimme nur ich, es gibt keine anderen Regeln außer denen, die ich mir mache. Deswegen bin ich einfach so gelaufen, dass es schön für mich ist. Wenn ich jetzt schneller gelaufen wäre, dann wäre mir das zu anstrengend gewesen. Vielleicht wundern sich die Leute, dass man so langsam läuft, aber mit der Zeit wird man diese Gedanken los und macht es einfach.“

Wie lange hast du dann bis zum ersten Marathon gebraucht?

„Das ging relativ schnell, weil ich leicht zu begeistern bin und mir hat das Laufen viel Spaß gemacht. Ich bin dabei geblieben und habe schnell gemerkt, dass es einen Einfluss auf mein ganzes Leben hat. Dafür muss ich es aber auch regelmäßig machen und dafür brauche ich ein Ziel. Da kam schnell der Gedanke auf, einen Marathon zu laufen, dafür muss man regelmäßig trainieren. Auch wenn das Wetter schlecht ist, man keine Zeit oder Lust hat. Der erste Marathon war drei oder vier Monate später.“

Wie oft hast du trainiert? Jeden Tag oder alle zwei Tage?

„Ich habe mir einen Laufreflex angewöhnt, ich wollte es jeden Tag machen. Du kennst das vielleicht, wenn du morgens aufwachst, gehst du ins Bad, stellst die Kaffeemaschine an und machst währenddessen was anderes. Diesen Automatismus habe ich mir beim Laufen angewöhnt. Ich habe meine Sportschuhe vor das Bett gestellt und bin vor dem Zähneputzen vor die Tür gegangen und bin gelaufen. Als Eingewöhnung bin ich jeden Tag gelaufen, aber immer sehr sanft und locker.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-hardangervidda-2Wie kamst du zur veganen Ernährung?

„Zur veganen Ernährung kam ich 1990. Ich habe früher Musik gemacht, war viel auf Tour und habe Konzerte gegeben. Da war ich noch ziemlich jung und bin ich in diese vegane Szene reingerutscht. Das war damals ganz anders als heute, es war ein ganz kleiner Kreis und in der linken Szene, der Hausbesetzer und Tierrechtler. Da bin ich damit in Berührung gekommen. Es gab kein Internet, man konnte sich nicht so gut informieren. Sich vegan zu ernähren war viel schwieriger als heute deshalb habe ich mich nur phasenweise vegan ernährt, hauptsächlich vegetarisch.

15 Jahre später stellte ich fest, dass es heute viel einfacher ist, sich vegan zu ernähren. Das hatte mich damals ein bisschen davon abgehalten und dann bin ich wieder vegan geworden und es bis heute geblieben.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-hardangervidda-4Nun wohnst du ja mit deiner Frau und deiner Tochter mitten im Wald in der Nähe von Köln. Wann hattest du den Mut, deinen Job zu kündigen und aus Berlin rauszuziehen? Hatte es was damit zu tun, dass du angefangen hast zu laufen?

„Ja, ich habe in dieser Zeit mein Leben umgestellt. Das fing damit an, dass ich nach der Arbeit angefangen habe zu laufen und merkte, dass es noch so viele andere schöne Sachen gibt, die ich im Leben machen kann. Ich hatte zum Beispiel Lust auf einen Berg zu klettern, da ich fitter war. So kam ich in den Natursport und in die Natur. Freizeit wurde mir wichtiger und ich merkte, ich will nicht mehr in der Großstadt wohnen. Ich wollte mein ganzes Leben ändern. Ich kündigte meinen Job und zog aus Berlin weg. Ich hatte eine eigene Plattenfirma, die ich aber auch an den Nagel hängte. Stattdessen habe ich noch mal studiert. Vorher hatte ich schon Politik, Medienwissenschaften und Soziologie studiert. Ich zog nach Köln und studierte Sport und Deutsch an der Universität in Köln, da meine Freundin auch in Köln wohnte.“

Du hast ja bereits 2010 und 2012 alleine die norwegische Hardangervidda, die größte Hochebene Europas mit einer Fläche von circa 8.000 km² und einer Höhe von 1200 m bis 1400 m, überquert. Wie hast du dich darauf vorbereitet? Hast du dich damals vegan ernährt?

„Ja, damals war ich schon vegan. Durch den Marathon merkte ich, dass ich noch ganz viele andere Sachen machen kann. Ich interessierte mich immer für Schlittenhunde und so kam ich darauf, dass es eine Region in Europa gibt, die sehr sehr kalt ist. Viel kälter als andere Regionen, die bei uns in der Nähe sind. Ich stieß dann auf die Hochebene und dachte mir, wenn andere Leute das können, warum kann ich das nicht auch?

Reinhold Messner ist nicht der Einzige, der solche Touren machen kann. Im Internet kann man sich ja heute gut informieren. Ich suchte mir raus, was ich können muss und was wichtig ist. Ich habe mich vorbereitet, indem ich Laufen war oder Autoreifen hinter mir hergezogen habe. Den Schlitten mit dem Proviant kann man so gut simulieren. Ich bin dann dahin gefahren und habe das einfach gemacht.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-hardangervidda-1Wie muss sich ein Laie einen non-stop Ultra-Marathon-Lauf vorstellen? Auf der Homepage stehen relativ strenge Verhaltensregeln, die hauptsächlich dazu dienen sollen, die Teilnehmer zu schützen. Heißt das, dass du die ganze Strecke joggen musst? Schläft man überhaupt?

„Du meinst jetzt allgemein Ultra-Marathon-Läufe?“

Der Laie denkt bei non-stop eben, dass man nicht stoppt. Aber auf der Homepage steht ja, dass man neben dem Trail sein Zelt aufschlagen und schlafen kann. Ich meine jetzt im speziellen den Yukon Arctic Ultra.

„Non-stop heißt in dem Fall, dass nicht gestoppt wird durch eine Etappe beispielsweise. Bei der Tour de France hat man ja Etappen. Im Yukon gibt es keine Etappen, wo gestoppt wird. Es gibt kein Zeltlager, indem man übernachten kann. Es ist tatsächlich ein non-stop-Lauf, also man läuft Tag und Nacht. Wenn du schlafen willst oder etwas essen, kannst du natürlich anhalten. Aber das ist dir überlassen. Es gibt den Startschuss und dann musst du in acht Tagen die 500 Kilometer gelaufen sein. Da die Strecke sehr lang ist und man durch den Schnee nicht schnell laufen kann und den Schlitten hinter sich her zieht, muss man sich den größten Teil des Tages fortbewegen, um es zu schaffen. Da bleibt nicht viel Zeit zu schlafen.“

Wie bist du auf die Idee gekommen, an dem Lauf teilzunehmen?

„Damals, als ich die Hardangervidda durchquert habe und mich viel mit arktischen Gegenden beschäftigt habe, stieß ich auf den Yukon und das große Schlittenhunderennen Yukon Quest. Darüber kam ich auf den Yukon Arctic Ultra. Da ich eine Hundehaarallergie habe, könnte ich ja mal den Lauf mitmachen. Die Strecke ist die gleiche. Nur ohne Hunde. Es war allerdings noch viel zu weit weg von mir, da ich noch nicht trainiert genug war für so eine Herausforderung. Der Lauf war immer bei mir im Hinterkopf und nach sechs Jahren hab ich es jetzt mal in Angriff genommen.“

Hast du schon alle geforderten Ausrüstungsgegenstände zusammen?

„Nein! Dieser Lauf ist eine Wissenschaft für sich und es ist wirklich sehr kompliziert, dafür zu trainieren und Informationen zu bekommen. Es gibt kaum Erfahrungsberichte, da immer nur eine kleine Handvoll Menschen teilnehmen. Ich habe schon viele Menschen um Beratung gefragt und richtig helfen konnte mir keiner. Ich habe schon viel mit der Sporthochschule Köln telefoniert, mit Professoren und Wissenschaftlern, mit dem Institut für Weltraumforschung und vielen anderen Leuten. Egal ob Ausrüstung oder Ernährung, Training und Vorbereitung – das ist sehr speziell. Ich versuche, die Ausrüstung zu minimieren aber zu meiner Sicherheit brauche ich natürlich schon ein paar Sachen.“

Patrik Baboumian trinkt als veganer Kraftsportler Eiweißdrinks und isst viele Hülsenfrüchte. Wie schafft man es mitten in der Wildnis, seine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten und dabei noch zu laufen?

„Die Körpertemperatur bleibt aufrecht, indem ich laufe. Dort kann ich es nur so machen, dass ich laufe. Wenn ich stoppe, muss ich innerhalb von Minuten in den Schlafsack schlüpfen. Beim Laufen habe ich keine Daunenkleidung an, weil man nicht schwitzen darf. Wenn man schwitzt, kriegt man ganz schnell Erfrierungen durch die Feuchtigkeit auf der Haut. Deswegen muss man vergleichsweise dünne Kleidung anhaben. Vergleichsweise zu den Temperaturen. Voriges Jahr waren es dort Minus 50 Grad. Wenn man läuft, kann man das ganz gut händeln mit dem Zwiebelprinzip mit verschiedenen Schichten. Sobald man aufhört zu laufen, muss man eben sofort in den Schlafsack.

Wie ich das mit der Ernährung genau mache, weiß ich noch nicht. Ich werde das essen was ich auch sonst auf so einer Tour essen würde, also fetthaltiges Essen. Ich kann nichts dabei haben, was friert wie beispielsweise Schokolade. Das ist hart wie Stein. Ich rief das Institut für Weltraumforschung an, in der Hoffnung, dass ich von denen Nahrung oder Informationen bekomme, was auch Astronauten mit in den Weltraum nehmen. Die haben mir aber gesagt, dass die Astronauten gefriergetrocknete Nahrung essen. Das Gleiche würden wir essen, wenn wir in Norwegen eine lange Tour machen. Man kann sich Gemüse mit Getreide und Nüssen mit einem Dörrapparat trocknen. Für Wasser schmilzt man Schnee.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-fb-2Hast du ein Lieblingsessen, das du mitnimmst als kleine Belohnung?

„Weiß ich noch nicht. Ich werde auf jeden Fall irgendwelche Süßigkeiten mitnehmen, aber welche das sind, ist noch nicht klar. Vielleicht vegane Gummibärchen, aber es ist insgesamt sehr eingeschränkt, da ich es nicht essen kann, wenn es gefroren ist.“

Hast du Kontakt zu den anderen Teilnehmern aus Deutschland?

„Ja, ich habe Kontakt zu ehemaligen Teilnehmern, die das versucht haben und irgendwann auch geschafft haben. Ich lasse mich von denen auch beraten, da ich festgestellt habe, dass die einfach die besten Berater sind dafür.“

Was ist mit deinem Bein? Bei Facebook sah man ja den Fuß dick eingepackt!

„Ja, ich habe mir den Fuß gebrochen. Seit fünf Monaten konnte ich nicht trainieren und ich hoffe sehr, dass der Gips bald abkommt und ich anfangen kann. Aber je länger die Pause ist, desto schwieriger wird es, den Trainingsrückstand wieder aufzuholen. Ich habe schon mit einem Mentaltrainer gesprochen und der hat mich auf die dumme Idee gebracht, dass es natürlich schwer wird, das wieder aus dem Kopf rauszubekommen. Also wenn ich wieder laufe, dass ich irgendwann angeschlagen oder müde bin und an den gebrochenen Fuß denke und in dem Moment trotzdem nicht die Motivation verlieren darf. Das Thema werde ich mit ihm noch versuchen, zu bearbeiten.“

Kannst du den Trainingsrückstand noch aufholen? Würdest du es auf 2018 verschieben?

„Der gebrochene Fuß ist kein Problem, der muss nur heilen und ich muss mit dem Training langsam anfangen. Der zeitliche Rückstand ist ein Problem, da der Lauf im Februar ist. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Noch habe ich nicht abgesagt. Ich habe schon viel rein gesteckt an Zeit und Organisation.“

gregor-iwanoff-vegan-yukon-ultra-hardangervidda-3Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man durch das Eis stapft, die weite leere Ebene vor sich?

„Es ist natürlich Geschmackssache, aber ich finde es einfach total schön, deshalb mache ich das auch. Ich liebe diese arktische Landschaft, das Eis und den Schnee. Auch die Einsamkeit und die Wildnis. Ich finde das einfach wunderschön. Ich hätte auch die beiden Touren in Norwegen nicht gemacht, wenn ich nicht die Fitness dafür gehabt hätte. Ich habe dafür ganz neue Welten entdeckt, die ich sonst nie selbst erlebt und nur aus dem Fernsehen gekannt hätte. Ich freue mich da total drauf.

Die Gedanken sind da ganz unterschiedlich. Bei so einem Lauf wie jetzt im Yukon machen die Gedanken, so sagt man, 80 Prozent aus. Man kann sich körperlich einfach kaum richtig drauf vorbereiten, auf 500 Kilometer durch Eis und Schnee. 20 Prozent sind der Körper und 80 der Geist, der einen da durch bringt oder eben nicht. Das ist eine große Herausforderung, da die Gedanken in so einer Wettbewerbssituation auch mal trübe sein können. Wenn man stundenlang in der Dunkelheit und isoliert ist und man vielleicht gar nicht weiß, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Was ist eigentlich mit den anderen Teilnehmern die vielleicht 200 Kilometer vor oder hinter einem sind. Man ist dort schon sehr auf sich alleine gestellt und es ist eine große Herausforderung, die Motivation in solchen Momenten dann aufrecht zu erhalten.“


Mehr Informationen

gregoriwanoff.de
arcticultra.de

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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2 Kommentare

  1. Liebe Katrin,

    ich danke dir für dieses schöne Interview, das gleich die Motivation für die eigenen läuferischen Ziele angefacht hat (auch, wenn es bis zum Ultra vermutlich noch eine gaaaaanze Weile dauern wird… 😉 ).

    Es hat sehr viel Freude gemacht, das zu lesen. Ich liebe solche Geschichten und sollte mir dringend mal wieder ordentliche Lauflektüre ausleihen… 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Liebe Jenni,

      lieben Dank für deinen Kommentar!

      Mir hat es auch sehr viel Spaß gemacht beim Interview. Gregor ist super nett und hat viel zu erzählen.

      Leider ist sein Bein immer noch nicht in Ordnung und er verschiebt die Tour um ein Jahr. Ich hoffe, dass es dann auch klappt, da es ja ein großer organisatorischer Aufwand ist.

      Ich werde hier weiter berichten und ihn begleiten. ☺

      Liebe Grüße und ein schönes Fest wünsche ich dir,

      Katrin

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