Frank Schätzing bei Sea Shepherd: „Sind wir noch zu retten?“

Frank Schätzing bei Sea Shepherd
Frank Schätzing bei Sea Shepherd

Vor etwa 10 Jahren fesselte mich eine Bronchitis ans Bett und ich tauchte für 2 Wochen hinab in die Tiefsee und in die Welt von Frank Schätzings Buch „Der Schwarm“. Ich war fasziniert von der komplexen Welt der Meere und verschlang die 1000 Seiten. Seitdem bin ich ein großer Fan des bekannten Autors und freute mich, dass er auf dem Meeresschützertag von Sea Shepherd in Bremen den Vortrag „Sind wir noch zu retten?“ halten würde.

Gleich zu Beginn erzählt er, er verfolge die Arbeit von Sea Shepherd angeregt durch die Thematik seiner Bücher: „Ich finde es sehr bewundernswert, was ihr hier fast alle ehrenamtlich macht. Mein Kompliment!“

Was wäre die Serengeti ohne Löwen?

„‚Ein Paradies‘ rufen alle Gazellen im Chor. Antilopen, Gnus und Zebras fallen ein: ‚Ja ein Paradies!‘ Selbst die Nashörner wären nicht unglücklich, wenn der König der Tiere abdanken würde. Und das, obwohl die Löwen in der Serengeti bereits dramatisch zurückgegangen sind. Noch aber regulieren sie die Bestände der Huftiere und sorgen dafür, dass sich die Vegetarier nicht unkontrolliert vermehren und alles kahl fressen. ‚Ach was‘ rufen die Gazellen, ‚das würden wir niemals tun. Nehmt einfach den blöden Löwen aus dem Spiel, damit wir in Frieden leben können‘.

Okay, wir nehmen ihn aus dem Spiel. Weg ist er. Da freuen sich alle und gehen erst mal fein essen, um die Sache zu feiern. Die Vegetarier würden fressen und fressen, aus der Fressorgie würde eine Sexorgie. Und so vermehren sie sich wider jede bessere Einsicht doch.“

Käme keiner, der seine tägliche Portion Zebra oder Gazelle einfordere, nähmen die Populationen überhand. Etliche Pflanzenarten drohten zu verschwinden und mit ihnen zahlreiche Insekten. Allmählich würden Rufe laut, den Löwen wieder zu holen – doch weg wäre er!

Frank Schätzing bei Sea ShepherdDiese Geschichte fand laut Schätzing genauso statt – am Computer. Sie wurde bekannt unter dem Namen Serengeti Experiment. Das Ergebnis des Experiments war: Ein komplexes System würde unweigerlich kollabieren, sobald man es seiner tragenden Komponenten beraube. Das Experiment ließe sich eins zu eins auf die Meere übertragen, einfach, indem man Löwen und Tiger durch Haie ersetze, gibt er zu bedenken. Wären die Haie verschwunden, bräche das gesamte marine Ökosystem zusammen – mit fatalen Auswirkungen.

Die Haie verschwinden tatsächlich: „Wenn die Hatz auf Haie so weiter geht, sind irgendwann keine mehr da – dann freuen sich die Sardinen, Makrelen, Thunfische, Robben. Bis man ihnen die Geschichte mit den Antilopen und den Löwen erzählt. Und wieder wird es zu spät sein, die Uhr zurückzudrehen.“

Homo Sapiens ist eine kurzsichtige Spezies

Der Kabeljau sei laut Schätzing eine Spezies, bei der man immer glaubte, dass eher der Mensch aussterbe als diese schwimmende Eiweißreserve. Sie drohe aus den Meeren zu verschwinden. Den Seezungen, Dornhaien, Thunfischen, Kaisergranaten sowie den Stören gehe es nicht besser. Knapp ein Drittel der weltweiten Fischgründe habe der Mensch in Niemandsland verwandelt. Pinguine und Delfine leiden Hunger deswegen. „Komplexe Systeme brechen zusammen und Nahrungsketten zerreißen. Immer mehr Schiffe fahren raus, um immer weniger Fische zu fangen. Also bedient man sich bei den Jungtieren. Bloß eine Spezies, die ihre Kinder verliert, ist auf dem besten Wege ins Museum.“

Fischer wurden, so Schätzing weiter, mit Subventionen unterstützt, beuteten das System aus und beraubten sich so selber ihrer Existenzgrundlage. Tatsächlich wisse man gar nicht genau, wie viele Fische der einzelnen Arten überhaupt noch vorhanden seien. Wenn man dies aber nicht wisse, könne man auch keine Fangquoten rausgeben. Fischer werden ihre Jobs verlieren – heute, morgen oder übermorgen.

Wie sieht ein leeres Meer aus?

Frank Schätzing bei Sea ShepherdWir würden ja nicht einmal wissen wie ein volles aussähe. Der Ast, an dem die Profiteure von Überfischung und Umweltverschmutzung sägten trage nicht nur die Fischer, er trage sieben Milliarden Menschen. Und 2050 sollen es sogar 10 Milliarden sein. Fischten wir noch den letzten Knirps aus dem Meer, wäre es auch egal – die Alternativen für ihn wären die nächste Ölpest, giftige Abwässer, ein Strudel Plastikmüll oder Hunger.

Ein halbes Jahrhundert habe ausgereicht, um die Zahl der Großfische um 90 Prozent zu dezimieren! Die Artenvielfalt sei weltweit um über die Hälfte zurückgegangen. Weil große Fische fehlen geraten große Teile des Ökosystems in Schieflage. Derzeit würden nahezu 100 Prozent der Weltmeere überfischt, verschmutzt oder auf sonstige Weise geschädigt. Nur 0,5 Prozent unterlägen halbwegs strengem Schutz.

Schätzing plädiert in seinem Vortrag dafür, Serengeties in den Meeren zu schaffen. Dort könne man die Lebensweisen der Fische erforschen. Dort dürften keine Tiefseebohrungen durchgeführt oder Ölplattformen errichtet werden. Dennoch bleibe das Problem des fließenden Wassers und damit erreiche irgendwann das Wasser aus den belasteten Gebieten die Nationalparks. Es sei höchste Zeit, umzudenken aber in der EU gäbe es so viele Interessen, dass das eigentliche Ziel schnell verloren gehe. „Wir sehen die Wand und fahren dagegen!“

Fischstäbchen schwimmen nicht im Ozean

Alle würden eine intakte Umwelt haben wollen, aber keiner denke an die Konsequenzen: „Zwar weiß auch der Dümmste, dass Fischstäbchen nicht in der Tiefkühltruhe wachsen. Auch, dass sie in einem früheren Leben Kopf und Schwanz besaßen, anstatt fertig paniert den Ozean zu durchstreifen, dürfte sich herumgesprochen haben.“

Frank Schätzing mit Anne Kämmerling und Manuel Abraas von Sea Shepherd Deutschland
Frank Schätzing mit Anne Kämmerling und Manuel Abraas von Sea Shepherd Deutschland.

Er werde nie den Tag vergessen, an dem er beschloss, für sich und seine Frau eine Lachsforelle zu grillen. In der Lebensmitteletage eines großen Kaufhauses stellte er sich an die Fischtheke. Neben ihm stand eine teuer gekleidete Frau und kaufte Jakobsmuscheln, während ihre pubertierende Tochter den Verkäufer mit Geschichten ihres Urlaubs auf dem Ponyhof amüsierte. Die Frau begutachtete ihre Muscheln und er bat den Verkäufer, eine Forelle für ihn aus dem Bassin zu fischen und auszunehmen: „Ebenso hätte ich verkünden können, das Pony der Tochter zu Tode foltern zu wollen. Das Mädchen warf mir einen Blick voller Abscheu zu, ihre Unterlippe begann zu zittern. Aller Illusionen beraubt, hauchte sie ihrer Erzeugerin zu: ‚Muss der Fisch jetzt sterben?‘ ‚Ja das ist ja wohl ein Ding‘ entsetzte sich Mama, ’sagen sie mal, haben sie kein Schamgefühl? Hier liegt doch jede Menge allerbester Ware, da muss doch das Tier nicht getötet werden.‘ ‚Der arme Fisch‘, bibberte die Kleine. Auch andere Leute schauten jetzt zu mir herüber. ‚Sie sind in der Tat ein Snob‘ meinte ein älterer Herr und schüttelte den Kopf. ‚Ist das denn nötig?‘ ‚Stimmt ein Snob sind sie‘, mischte sich Mama wieder ein. ‚Schon mal was von Überfischung gehört? Kaufen sie doch einfach, was angeboten wird.‘ ‚Die Forelle wird aber angeboten‘ sagte ich. ‚Natürlich wird sie das, ist doch schlimm genug‘. Der Blick der Frau traf den Verkäufer. ‚Eine Schande ist das, hier lebende Tiere zu töten. Bei der Gelegenheit, geben sie mir noch 200 Gramm Thunfisch, aber Sushiqualität.‘ Was hätte ich sagen sollen? Dass ich es fantastisch finde, wenn Leute ausschließlich Stücke auf Eis kaufen, damit ihretwegen kein Tier sterben muss?“

Es ist fünf vor Zwölf!

Wir müssten uns mit Unkenntnis, Ignoranz und falscher Betroffenheit herumschlagen: „Die Politik hat gewaltige Aufgaben zu lösen, aber bei allem Respekt: Das ist ihr Job! Nur darum sitzen die Europapolitiker in Brüssel auf ihren Stühlen. Nicht um Maßnahmen zu vertagen, sondern um sie zu ergreifen. Nicht um Probleme auszusitzen, sondern um sie zu lösen. Es ist fünf vor Zwölf!“

Was würde man den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern mit auf den Weg geben? Schätzing sagte vor einigen Jahren bei einem Vortrag im Europaparlament: „‚Versuchen sie‘ sagte ich, ‚einfach das Meiste richtig zu machen anstatt das Wenigste verkehrt. Und denken sie immer daran was die Indianer Westkanadas sagen: ‚Wenn du ein guter Mensch warst, wirst du als Orka wiedergeboren werden.‘ Also seien sie ein guter Mensch, sonst finden sie sich in ihrem nächsten Leben als Kabeljau wieder. Als der letzte ihrer Art. Und sie wissen ja, was dann aus ihnen wird: Ein Fischstäbchen!“

Der komplette Meereschützertag wurde per Livestream ins Internet gestreamt. Wer den Vortrag ganz hören will: Ab Minute 26:15 redet Frank Schätzing.


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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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