Interview mit Dr. med. Carsten Lekutat über sein Buch Gesundheit für Faule!

Gesundheit für Faule – geht das überhaupt? Sollen wir uns nicht alle regelmäßig bewegen, gesund essen und Stress vermeiden? Wie viel Anstrengung kostet es denn nun, um Bluthochdruck, Übergewicht, Osteoporose, aber auch Depressionen oder Schlafstörungen zu verhindern oder positiv zu beeinflussen?

Ich bin ehrlich, ich bin jetzt auch nicht gerade eine Sportskanone, ich mache dreimal die Woche Sport und ansonsten liebe auch ich meine Couch. Gut, seit zweieinhalb Jahren habe ich kein Auto mehr und gehe zu Fuß oder mit dem Rad einkaufen. Aber das ist jetzt auch nicht gerade ein Marathon.

Gesundheit für Faule
Dr. med. Carsten Lekutat.

Der mittlerweile seit einiger Zeit vegan lebende TV-Arzt Dr. med. Carsten Lekutat verrät mir im Interview, ob ich genug Sport mache und wie wir Alle ein gesundes und langes Leben mit wenig Aufwand leben können. Lekutat ist bekannt aus der Fernsehsendung „Hauptsache Gesund“. Der Sport-Mediziner und Hausarzt erklärt, wie wir gesund und fit ohne viel Anstrengung sein können.

In seinem Buch Gesundheit für Faule ist Teil 1 dem Körper gewidmet. Mit wenigen, aber ausgewählten Übungen kann jeder seinen Körper in Form halten. Man bekämpft nicht nur Bluthochdruck, Diabetes, Gelenk- und Rückenschmerzen, sondern senkt auch das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Teil 2 kümmert sich um die Seele. Schlafstörungen und Angstzustände werden mit speziellen Entspannungstechniken gelindert, genauso wie depressive Verstimmungen und Zukunftsängste. Das hat auch positive Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit, etwa bei Atembeschwerden oder chronischen Schmerzen.

Dr. med. Carsten Lekutat ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportarzt, Buchautor und TV-Arzt. Er ist Leiter des Berliner HIT Hausarztzentrum in Tegel. Als Fernseharzt moderierte er die wöchentliche Kolumne Der Gesundmacher in Sat.1, im WDR Fernsehen die wöchentliche Primetime-Sendung Der Gesundmacher und Raus aus dem Stress!.

Bereits 2012 übernahm Lekutat die Moderation der wöchentlichen Gesundheitssendung Fit und gesund auf DW. Zusätzlich führt er seit September 2015 wöchentlich durch die Sendung Hauptsache Gesund im MDR Fernsehen. Dr. Carsten Lekutat ist Autor mehrerer Bücher und betreibt außerdem den erfolgreichen Gesundheits-Podcast „Gute Fette, schlechte Fette“. Er lebt in Berlin. Ich kenne ihn noch privat aus meiner Zeit in Berlin, deshalb duzen wir uns.

Moin Carsten, vielen lieben Dank, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Meine erste Frage ist, kann man überhaupt faul und gesund sein? Wie soll das denn gehen? Wo wirklich doch alle Mediziner und Berater ständig erzählen, was wir alles tun und lassen sollen.

Ich bin der Meinung, dass die Selbstoptimierung in den letzten zehn, zwanzig Jahren übertrieben wurde. Man hat versucht, alles zu optimieren und dabei ist vielen die Gelassenheit abhandengekommen. Faul sein bedeutet ja nicht, dass man nichts tut, sondern, dass man halt ganz chirurgisch genau das Richtige tut, also sehr, sehr gezielt die richtigen Sachen macht, damit man noch genügend Zeit hat für anderes, an dem man Spaß hat.

Wenn wir über Veganes oder über Ernährung reden, ist eine vegane Ernährung ja nichts für Faule in dem Sinne, sondern eher etwas, ja, Anstrengendes, aber genau das Richtige, was wir machen müssen, um gesund zu bleiben. Das sind so diese kleinen Änderungen im Leben, dass man sagt: ‘Ja, nicht versuchen jetzt hier Marathon zu laufen oder Triathlon-Training, alles gut, macht vielleicht Spaß, muss aber gar nicht sein. Es reichen kleinere Änderungen.’

Was ich besonders gut finde an dem Buch, ist deine Ehrlichkeit dem Leser gegenüber, indem du von deinen eigenen Schwächen erzählst und dich selbst als faulsten Arzt Deutschlands bezeichnest und berichtest, dass du mal 23 Kilo mehr gewogen hast.

Genau, das war tatsächlich so. Ich habe wirklich 23 Kilo mehr gewogen und habe das abgenommen. Ja, ich habe das gar nicht mitbekommen, dass ich so dick geworden bin und irgendwann mir ist klar geworden, da musst du mal was ändern. Das Zugenommene lag aber nicht am Faulsein, aber mit den kleinen Änderungen, die ich im Leben eingeführt habe, hat das tatsächlich geklappt, abzunehmen und die Aktivität ins Leben zurückzubringen.

Ich finde es auch sehr gut, dass du mal als einer der wenigen Ärzte klarmachst, dass spazieren gehen kein Sport ist und Übergewicht nicht gesund ist. Weil das wird ja sonst immer wohlfühlmässig von allen Leuten erzählt, dass man nur dreimal die Woche dreißig Minuten spazieren gehen muss und dann ist alles gut.

Absolut, genau, das ist einfach totaler Blödsinn. Wir können uns ja alle einlullen und sagen: ‘Wir fühlen uns wohl, wie wir sind’, aber es bringt uns nicht weiter, wenn wir gesund sein wollen. Natürlich ist mir Bewegung wichtig, aber es muss halt mehr sein, da muss oben was drauf und das ist ja das, was man als Fauler sagen muss, wenn ich schon nicht gerne viel Sport mache, dann muss ich in der Zeit, wo ich Sport mache, das Richtige machen und mich richtig außer Atem bringen. Dann kann ich die restliche Zeit im Leben faul sein, weil ich in der kurzen Zeit genau das Richtige getan habe.

Ja, aber was ich auch sehr gut finde, ist, dass du das eben mit dem Übergewicht ansprichst, weil in Zeiten von Fat Acceptance und so weiter, sich das ja kaum noch jemand traut zu sagen.

Absolut. Aber diese Achtziger, Neunziger Jahre oder 2000er Talkshow-Geschichten, dass die Dicken hereingegangen sind in die Studios und gesagt haben: ‘Toll, Hauptsache, ich fühle mich wohl.’

Man kann sich ja wohlfühlen, obwohl ich das auch häufig nicht glaube, dass es wirklich ein psychisches Wohlfühlen ist. Aber man kann sich auch im Wohlgefühl schädigen. Und das ist halt genau das, was passiert. Die Leute werden ja krank von Übergewicht.

Also ich habe zum Beispiel 2017 fast 96 Kilo gewogen. Und ich kann nicht behaupten, dass es mir damals gut ging.

Nein. Bei dir wahrscheinlich auch und vor allem retrospektiv. Ich habe es dabei ja gar nicht gespürt. Ich habe es wirklich im Nachhinein nur gemerkt, dass mir alles fehlte. Man hat so eine Körperblindheit, die man entwickelt.

Ja und man merkt erst da, wenn man zwanzig Kilo abgenommen hat, wie gut es einem gehen kann, wenn man viel weniger wiegt.

Also ich wiege ja 66,5 Kilo und habe plötzlich wieder siebzig gewogen. Da habe ich mir gesagt: ‘Ach, scheiße, du musst was tun’ Ich habe dann wieder die drei Kilo runter und alleine diese drei Kilo am Ende habe ich wieder gemerkt, boah, du bist viel munterer den ganzen Tag, viel beweglicher, viel freudvoller, du schläfst wieder besser und so weiter. Nur, weil diese drei Kilochen wieder unten waren im Nachhinein. Und als die drei Kilo draufkamen, habe ich gar nicht gespürt, dass die da sind. Das ist, glaube ich, so diese Verkennung, was die Menschen haben.

Geht mir ähnlich. Ich hatte auch auf 76 abgenommen und hatte dann jetzt fast zehn Kilo wieder zugenommen letztes Jahr, weil ich auch an Kochbücher gearbeitet habe plus Corona Lockdown. Jetzt habe ich so fast die Hälfte wieder abgenommen, aber es ist noch lange nicht wieder so schön.

Ja, das ist ja das große Problem, Abnehmen ist ja meistens gar nicht so schwer. Das Halten ist ja das große Problem, ne? Und dann schleicht es sich halt wieder an und man muss es wieder abnehmen. Ich sage immer, jemand, der mal dick war, ist halt chronisch krank. Man wird halt immer wieder zurückfallen und es ist eine lebenslange Aufgabe, mit dem Gewicht unten zu bleiben.

Wie sprichst du ein Übergewicht bei den Patienten an? Viele Ärzte verschreiben ja ihren Patienten nur Medikamente oder so und sprechen aber eigentlich gar nicht die Ursache an, die wie du es jetzt richtig sagst im Buch, der Elefant im Raum wird ignoriert.

Nein, nein. Das machen wir schon. Das ist bei mir natürlich jetzt ein bisschen leichter in meiner Praxis, weil die Leute wissen, dass ich so viel abgenommen habe, deshalb kommen sie häufig auch hierher. Wir haben bei uns in der Praxis eine extra Adipositas-Sprechstunde. Bei uns beginnt die Adipositas-Sprechstunde nicht beim BMI von 30 oder 35, sondern auch schon bei jedem, der nicht zunehmen möchte. Du kannst also auch hin einfach nur mit drohendem Übergewicht.

Das heißt, wenn du noch schlank bist, dann da sagst, du schwankst wieder um dein Gewicht drum rum und hast ein Problem, mal zwei, drei Kilo abzunehmen. Selbst das ist schon was für die Adipositas-Sprechstunde, präventiv eben. Also wie die Vorsorgemedizin, dass man den Blutdruck nicht nur dann senken sollte, wenn ein Schlaganfall dagewesen ist, sondern tatsächlich auch schon, wenn er leicht erhöht ist. Das spreche ich auch an.

Wie viel muss ich mich denn mindestens bewegen, um gesund zu bleiben?

Von der Weltgesundheitsorganisation gibt es diese Vorgabe von 150 Minuten moderater Bewegung oder 75 mit starker Bewegung. Ich finde, diese zwei, drei Stunden wöchentlich aktiv sein gut und obendrauf würde ich dann richtig ballern. Das richtig ballern muss man aber auch nicht jede Woche machen, das reicht auch aus, wenn du das alle zwei Wochen umsetzt, um das Herz-Kreislaufsystem richtig nach oben zu bringen. Das Problem ist halt, wenn du es nur alle zwei Wochen machst, hast du keine Routine drin.

Also ich finde, diese 150-Minuten-Bewegung in der Woche und das Ganze strukturiert, macht schon Sinn. Im Buch habe ich diese sieben-Minuten-Übungen, immer mit Aufwärmen und Runterkühlen, auf 15 Minuten reduziert. Eine Viertelstunde Sport am Tag, das ist schon eine ziemlich geile Übung, das sollte zu schaffen sein.

Ja und ich mache Fitnesstraining auf einem Trampolin.

Sehr cool.

Reicht das aus, um Ausdauer zu trainieren und wie wichtig ist Krafttraining?

Also auf einem Trampolin ist natürlich ein Ganzkörpertraining, das heißt, du hast ja auch die ganze Tiefenmuskulatur mit drin, das ist schon genial. Wenn man Trampolintraining macht, reicht das aus. Damit bist du mit dem Herz-Kreislauftraining und der Kraft-Ausdauer dabei.

Es geht ja nicht darum, dass du jetzt definierte Muskeln haben möchtest und dann puschst du deinen Oberarm hoch oder den Schenkel oder den Po, sondern du machst eine Gesamtstabilisierung im Kraft-Ausdauer, das ist gesundheitlich schon echt gut und eigentlich ausreichend.

Ich habe das Glück, dass diese ganzen HIIT-Übungen (Hoch-intensitäts Interval Training) alle schon in meinem Trainingsvideo dabei sind, ich muss jetzt nicht extra noch etwas machen.

Nein, das reicht völlig aus. Egal, welche HIIT-Übung du machst, du musst ja nicht den Zirkel machen, den ich da im Buch beschrieben habe. Das Buch gibt es ja für Leute, die in einer Wohnung wohnen, die kein Trampolin haben, die überhaupt nicht an Sport ran geleitet werden. Da ist das toll, mit einem Stuhl, einer Wand und mit dem Boden zu arbeiten. Aber sind natürlich Trampoline perfekt.

Du ernährst dich seit einiger Zeit vegan, was ich natürlich super finde. Rätst du das auch deinen Patienten und wenn ja, wie reagieren die darauf?

Ja, also es ist ja schwer. Ich bin der Meinung, dass die vegane Ernährung nah dran ist an der perfekten Ernährung. Das hatte glaube ich ein Buddhist, der war ein Mönch, gesagt, vegane Ernährung ist dicht dran an dem Ganzen.

Ich empfehle es auch meinen Patienten, wobei der Schritt häufig zu groß ist. Also von dem Grillabend im Hinterhof zur veganen Ernährung ist halt ein Riesenschritt, den die Wenigsten wagen wollen. In einer perfekten Welt wäre wahrscheinlich, jetzt von ethischen Sachen abgesehen, die pescetarische Ernährung die bessere, das heißt, mit Fisch. Aber den Fisch, den wir bekommen, der ist ja überfischt und falsch und den Zuchtfisch mit Schadstoffen drin, will ja keiner essen. Momentan ist eigentlich vegane Ernährung tatsächlich das, was du essen solltest. Aber natürlich mit einer Substitution von Vitamin B12.

Gibt es denn auch für Leute, die jetzt nicht gleich vegan werden wollen, einen Tipp von dir was die essen sollten auf dem Weg hin zu einem gesünderen Essen?

Also man kann von der medizinisch-ärztlichen Seite keinesfalls dazu raten, in irgendeiner Form Fleischkonsum beizubehalten. Die vegetarische Ernährung ist wahrscheinlich die Alternative und dann vielleicht eine pescetarische Ernährung, wenn man sagt, man möchte Fisch mit drin haben, dann ist das auch in Ordnung. Aber zumindest eine pescetarische Ernährung ist alles, was man jetzt im Sinne von Fleisch akzeptabel finden könnte. Zuchtfisch ist heutzutage aber gesundheitlich nicht mehr zu empfehlen.

Geflügel kann ich auch nicht mehr empfehlen. Am besten keine Form von Fleisch. Milch ist für mich auch nicht diskutabel. Geht nicht. Käse macht Sucht. Also vegetarisch, wenn überhaupt, dann pescetarisch als Alternative zu vegan, alles andere geht nicht.

Okay. Du sprichst auch über die Grundursachen von Krankheiten. Können wir das bei uns selbst beeinflussen?

Genau. Das sind ja diese drei Vs, Verhalten, Vererbung und verdammtes Pech. Das Verhalten können wir schon sehr beeinflussen und über unser Verhalten haben wir letztendlich auch einen kleinen Einfluss auf die Vererbung über die Genetik. Aber das heißt ja nicht, dass die drei Vs alle gleich gewichtet sind. In der westlichen Welt ist es schon so, dass die meisten Erkrankungen jetzt auf jeden Fall in der Vor-Corona-Zeit halt Verhaltenserkrankungen waren.

Das Verhalten ist ein Bereich, in dem man ganz, ganz viel machen kann. Was letztendlich mich immer wieder so ein bisschen auf den Boden zurückholt, wo ich denke, ja, die Menschen könnten auch 150 Jahre leben und vielleicht schaffen wir ja noch unsterblich zu sein, was auch die Anti-Aging-Ärzte sagen. Es ist ja halt noch kein einziges Wesen unsterblich gewesen. Also ich glaube, selbst mit perfektem Verhalten wirst du irgendwann mal das Zeitliche segnen, aber wie gesund du bist, bis du das Zeitliche gesegnet hast, liegt sehr viel in deiner eigenen Hand. Also ja, wir können es beeinflussen über unser Verhalten in allen Bereichen.

Genau. Im hinteren Teil sprichst du auch über Meditation und Seele und das Wechselspiel zwischen Körper und Seele. Welche Rolle spielt denn eigentlich die Achtsamkeit und was ist Achtsamkeit eigentlich genau?

Also Achtsamkeit ist ja eine liebevolle Beschäftigung mit dem Hier und Jetzt. Das ist letztendlich das, was unser Leben ausmacht, weil im Hier und Jetzt leben wir und diese ganzen Aussagen, dass die Seele nicht in unserem Körper drin ist, sondern irgendwo in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt, macht unser Leben ziemlich kaputt, sowohl auf der Seite der Lebensqualität als auch auf der körperlichen. Ich denke, das ist ein Punkt, wenn man etwas im Leben wirklich ändern möchte, sollte man sich auf jeden Fall mal mit Achtsamkeit und Achtsamkeitsmeditation beschäftigen.

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