Die britische Fleischindustrie kämpft mit Personalproblemen, weil immer weniger Menschen mit der Schlachtung von Tieren konfrontiert werden wollen. Die Arbeit kann sich stark negativ auf die Arbeitnehmer auswirken. Wer sich einen der Dokumentarfilme über die Zustände in modernen Schlachthöfen anguckt, würde wohl kaum auf die Idee kommen, so einen Job anzunehmen, wenn er nicht auch die kleinste Alternative sehen würde, anders seinen Lebensunterhalt verdienen zu können.

Nicht nur Veganer wollen den Job nicht

Laut dem britischen Magazin Farmers Weekly werden 10.000 Arbeitsplätze in großen Schlachthöfen nicht besetzt – was sich auf das Weihnachtsgeschäft auswirken kann! Der Mangel an willigen Arbeitskräften ist im vergangenen Jahr immer gravierender geworden, sagt Nick Allen, der Chief Executive der British Meat Processors Association (BMPA). Im vergangenen Jahr waren weniger als fünf Prozent der Arbeitsplätze unbesetzt. In diesem Jahr sind sie auf 15 Prozent gestiegen.

Die Arbeit im Schlachthof ist mit einer Vielzahl von Krankheiten verbunden. Diese reichen von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bis hin zur Drogenabhängigkeit. Amy Fitzgerald, eine Kriminologieprofessorin an der University of Windsor in Kanada, fand eine starke Korrelation zwischen Städten mit großen Schlachthöfen und hohen Kriminalitätsraten. Obwohl zweifellos ein niedriges Einkommen etwas damit zu tun hatte, fand sie heraus, dass die Arbeit im Schlachthof teilweise dafür verantwortlich sei, dass die Arbeiter desensibilisiert seien. Dies spiegelt sich in ihrem Verhalten außerhalb des Arbeitsplatzes wider. Menschen, die gezwungen sind, diese Arbeit täglich auszuführen, sind eher bereit, Alkohol und Drogen zu missbrauchen und sich gewalttätig zu verhalten.

Aussteiger erzählen

Im Jahr 2006 beschrieb Ed Van Winkle, ein in den USA ansässiger ehemaliger Mitarbeiter eines Schlachthofes, in dem Schweine geschlachtet wurden, die tägliche Arbeit: „Das Schlimmste, schlimmer als die körperliche Gefahr von Arbeitsunfällen, ist die emotionale Belastung. Schweine haben mich wie ein Welpe angeguckt, zwei Minuten später musste ich sie töten – sie mit einem Rohr zu Tode schlagen.“ Bisher gibt es hierzu nur sehr wenig psychologische Untersuchungen.

Ein ehemaliger Schlachthofarbeiter schrieb letztes Jahr für das Magazin Plant Based News, dass Schlachthöfe wie „eine Vision der Hölle“ seien: „Die meisten Menschen waren wie ich, sie wollten nicht dabei sein, hatten aber keine andere Wahl. Die Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf und Nahrung. Ja, ich habe Tiere getötet – zu viele, um sie zu zählen. Aber habe ich mehr Blut an meinen Händen als jeder andere Nicht-Veganer? Ich würde sagen nein. Angebot und Nachfrage. Solange die Menschen weiterhin Tiere essen, wird jemand sie töten müssen. Das habe ich, und die Schuld wird mich für immer verfolgen.“

Jonny Williams, Senior Vieheinkäufer für die schottische Genossenschaft Farmstock, sagte, dass sich die Auswirkungen der Engpässe in den letzten Monaten vor Ort bemerkbar machten. „Schlachthöfe wurden errichtet, aber nicht das Personal dazu gebracht, sie zu benutzen“, sagte er. „Es scheint nicht so zu sein, dass das Gehalt das Problem ist. Die Leute wollen diese Arbeit einfach nicht machen.“

Situation in Deutschland

Bei mir in der Region in Niedersachsen gibt es sehr viele große Schlachthöfe. Auf der Website des Landes-Caritasverbandes Oldenburg finde ich einen Beitrag des früheren oldenburgischen Caritasratsvorsitzenden Pfarrer Peter Kossen und seines Bruders, dem Hausarzt Dr. Florian Kossen. Darin kritisieren sie massiv den unmenschlichen Umgang mit Arbeitnehmern.

Dr. Florian Kossen, hausärztlich tätiger Internist in Goldenstedt, etwa 25 Kilometer von meinem Wohnort entfernt, erzählt: „Menschen werden benutzt, verbraucht, verschlissen und dann entsorgt!“ Er behandele täglich Arbeitsmigranten aus Rumänien, Bulgarien und Polen in seiner allgemeinmedizinischen Praxis. Die Menschen müssten 12 Stunden sechs Tage die Woche arbeiten, bis zur totalen Erschöpfung. „Sie haben keine Möglichkeit der Regeneration, weil sie durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen ständig physisch und psychisch unter Druck stehen. Daraus resultieren eine ganze Reihe von Krankheitssymptomen: Von Überlastungsschäden im Bereich der Extremitäten und Wirbelsäule über psychovegetative Dekompensationen bis hin zu wiederholten bzw. hartnäckigen Infekten durch mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften und gesundheitswidrige Bedingungen an den Arbeitsplätzen. Aber auch eine totale körperliche Erschöpfung, wie ich sie in meinen 20 Jahren ärztlicher Tätigkeit vorher selten gesehen habe.“ Arbeitsunfälle wie Schnittverletzungen seien an der Tagesordnung.

Eine Krankschreibung bedeute die Kündigung

Die verzweifelten Menschen lassen sich nicht krankschreiben, weil ihnen deutlich gesagt wurde, dass sie dann quasi nicht mehr zu kommen brauchen. Eine Arbeiterin hatte eine rund zehn Zentimeter lange, mit Naht versorgte Schnittwunde, die sie sich bei der Arbeit zugezogen hatte. Sie lehnte eine Krankschreibung ab.

Weitere häufige Verletzungen seien Verätzungen am ganzen Körper, bei Menschen, die für Reinigungsarbeiten in den Schlachthöfen keine ausreichende Schutzkleidung zur Verfügung haben und unter hohem Zeitdruck arbeiten. Es gäbe zwar Schutzanzüge, diese seien jedoch defekt und völlig unzureichend. Seien die Menschen zu krank, kämen immer frische, gesunde Menschen nach.

Ein bulgarischer Werkvertrags-Arbeiter eines Großschlachthofs in Wildeshausen eigte dem Arzt seine Lohnabrechnung: 1200,- € für 255 geleistete Arbeitsstunden. Peter Kossen: „Die Fleischindustrie behandelt Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht.“ Weil in der Regel ein Großteil der Arbeiter, 80 Prozent oder mehr, nicht beim Schlachthof angestellt ist, sondern bei einem Subunternehmer, bräuchten sich die Unternehmer der Fleischindustrie bei dieser Form moderner Sklaverei gar nicht die Hände schmutzig zu machen.

Menschenhandel bringt Nachschub

Die Subunternehmen sind organisiert wie Drogen- und Frauenhandel und Zwangsprostitution. Da die staatlichen Stellen keine Kontrollen durchführen, können diese Firmen auf Kosten des Steuerzahlers agieren. Falls man in diesem Fall das überhaupt erwähnen sollte, aber auch Sozialversicherungsbeiträge und Steuern gehen dem Staat verloren.

Die Menschenhändler müssen in immer ärmeren Regionen Osteuropas ihr Personal rekrutieren: „Erst waren es Menschen aus Polen, später aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, jetzt kommen sie aus Moldawien oder der Ukraine, dann ist ihr Einsatz nicht selten illegal“, weiß Kossen. Sein Bruder sieht jeden Tag in der Praxis, „dass diejenigen, die es trotz der Menschenschinderei schaffen, über mehrere Jahre durchzuhalten, chronische Leiden davontragen.“

In Amerika sind es häufig Farbige und Südamerikaner, die nicht selten illegal in den USA leben, die dort unter sklavenähnlichen Zuständen in den Schlachthöfen arbeiten. In der Fleischindustrie werden die Menschen genauso brutal und verachtend behandelt, wie die Tiere.

Wieder ein Grund mehr, auf Fleisch zu verzichten – nicht nur wegen der Tiere, sondern auch wegen der Menschen!


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