Auf der VegMed in Berlin dieses Jahr berichtete Dr. med. Annette Jänsch, Fachärztin für Innere Medizin in der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, über ihre Erfahrungen zum Thema vegane Ernährung und Fasten bei der Chemotherapie gemeinsam mit der Ärztin Dr. Daniela Liebscher.

Eine Studie des US-Biologen Valter Longo sorgte vor sechs Jahren für Aufsehen, da er leider in Tierversuchen an der Universität von Kalifornien herausfand, dass sich kurzzeitiges Fasten positiv auf die Effektivität und Verträglichkeit einer Chemotherapie auswirken kann. „Sobald dem Körper über eine gewisse Zeitspanne wenig oder gar keine Energie mehr zugeführt wird, schaltet er in einen ‚Sparmodus‘ um. Dadurch verlangsamt sich auch die Zellteilung. Eine Chemotherapie schädigt die Zellen wiederum nur in diesem Stadium der Teilung. Dieser Schutzmechanismus funktioniert bei Tumorzellen aber nicht – denn sie sind nicht in der Lage, ihren Stoffwechsel zu drosseln,“ erklärt Jänsch.

Wie ist ein Fasten während einer Chemotherapie durchführbar? Was muss man dabei beachten? Ist eine vegane Ernährung während der Chemotherapie ähnlich wirksam? Dr. Jänsch und Dr. Liebscher, die jährlich viele Patienten naturheilkundlich durch die Chemotherapie begleiten, gaben in Berlin auf der VegMed gemeinsam mit einer Patientin, die selbst beide Ernährungsformen während ihrer Chemotherapie durchgeführt hat, Antworten auf diese Fragen.

Krebspatienten fürchten die Müdigkeit

Das was die Ärzte und Patienten am meisten bei einer Chemotherapie häufig als Nebenwirkung erleiden, ist das Fatigue-Syndrom. Am dritten und vierten Tag nach der Chemotherapie sind die Patienten so erschöpft, dass sie kaum ihren Alltag bewältigen können: „Das war der überzeugendste und deutlichste Parameter, den wir bei der Untersuchung der Frauen gefunden haben. Sie waren wesentlich weniger erschöpft und einige Patientinnen stiegen aus der Studie aus, um bei allen Chemotherapiezyklen fasten zu können,“ erklärte Dr. Jänsch.

Warum geht es den Mäusen besser, wenn sie fasten? Warum bildet sich bei den Mäusen, die gefastet haben, der Tumor wieder ganz zurück und die anderen, die nicht gefastet haben, sind gestorben? Das war die Fragestellung von Professor Longo, die er gut beantworten konnte. Wenn der Körper weniger Nahrung bekommt, so hat er genetisch programmiert eine Antwort darauf parat. In früheren Zeiten mussten wir immer wieder Phasen mit wenig oder gar keiner Nahrung überstehen und sind deshalb genetisch gut darauf vorbereitet.

Gesunde Zellen schützen, Tumorzellen nicht

Nach 24 bis 36 Stunden geht der Körper in den Sparmodus und die gesunden Zellen schützen sich durch seltene Zellteilung und Bereitstellung von Antioxidantien. Dies können aber nur gesunde Zellen, Tumorzellen sind hierzu nicht in der Lage. Diesen Mechanismus haben die beiden Ärztinnen bei den Teilnehmern der Pilotstudie genutzt. Fasten funktioniert gut, wenn die Patienten alle drei Wochen eine Chemotherapie bekommen.

Aber was passiert, wenn jede Woche eine Chemotherapie ansteht? „Ein Mangel an Glukose durch das Fasten führt dazu, dass der Körper weniger Insulin ausschüttet. Wenn Insulin ausgeschüttet wird, wird immer ein Hormon mit ausgeschüttet, das IGF-1 Hormon (Insulin-like growth factor 1), das auch das Wachstum von Krebszellen stimuliert. Auch bestimmte Aminosäuren in tierischen Eiweißen stimulieren Tumorwachstum und -ausbreitung. Wenn wir also auf tierische Lebensmittel verzichten, reduzieren wir die Zufuhr dieser Aminosäuren,“ erklärt sie.

Patientin schildert ihre Erfahrungen

Im Herbst 2016 bekam Dagmar K., Mutter von drei Kindern, die Diagnose Brustkrebs. Sie entschied sich für eine Chemotherapie. Dr. Jänsch konnte sie gemeinsam mit Prof. Dr. med Andreas Michalsen für ihre Studie gewinnen. So begann Dagmar K. mit der Kombination aus Chemotherapie und Fasten.

Für Dagmar K. war Montag war ein Entlastungstag mit veganer ballaststoffreicher Kost wie beispielsweise einer Gemüse, Kartoffeln, Reis und Obst. Ab 18 Uhr hörte sie auf zu essen. Ab diesem Zeitpunkt hat sie nur noch getrunken: „Der Dienstag ist ein reiner Trinktag. Die Patienten müssen 2,5 bis 3 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, warmes oder kaltes Wasser ohne Sprudel und dünne Kräutertees. Zum Frühstück gibt es ein Glas Gemüsesaft, zu Mittag eine Gemüsebrühe und am Abend noch einmal Gemüsesaft. Wichtig ist auch, dass sie sich eine Stunde am Tag bewegen. Für Mittwoch, den Chemotherapie-Tag, gilt das Gleiche – nur, dass die Patienten nicht so viel trinken müssen, da sie ausreichend Flüssigkeit über die Chemotherapie erhalten. Am Donnerstag, genau 24 Stunden nach Beendigung der Chemotherapie, konnte Dagmar K. wieder ihre Ernährung langsam aufbauen,“ erklärt Jänsch bei ihrem Vortrag.

Dagmar K.: „Es klingt vielleicht verrückt, aber ich habe mich richtig auf die Chemotherapie gefreut, da ich danach wieder etwas essen durfte. Dadurch dachte ich nicht mehr an die Giftstoffe bei der Chemo, sondern nur noch an das Essen danach.“ Mittwochnachmittag lag sie immer auf dem Sofa und hat sich bewusst die Auszeit genommen und sich ausgeruht.

Donnerstag früh ging sie immer einkaufen und schnippelte zu Hause das Gemüse und freute sich auf das leckere Essen. In den ersten drei Wochen bekam sie alle drei Wochen eine Chemotherapie und fühlte sich in der Zeit nur am Tag der Chemotherapie schlapp. Morgens fuhr sie sogar mit dem Rad zur Klinik und schob es danach nach Hause, weil sie meistens ziemlich müde war.

Vegetarisch schlemmen bis zur Chemotherapie

Nach drei Monaten intermittierendem Fasten, stand drei Monate lang wöchentlich eine Chemotherapie an und hier begann auch die vegane Kostphase: „Das war fast noch besser, da ich einen ganz neuen Geschmackssinn entwickelt habe. Hier konnte ich in den 36 Stunden vor der Chemotherapie und dann bis 24 h nach der Chemotherapie Nüsse essen, Vollwertreis, Kartoffeln, Gemüse usw. Ich habe mich richtig gesehnt nach diesen gesunden Sachen. Das Ausprobieren hat mir richtig Spaß gemacht, neue Nüsse probieren, Linsenmischungen uvm.“

Ihr hat diese Form der Ernährung genauso gut getan, wie vorher das Fasten. Viele Patientinnen bekommen während dieser Chemotherapie (Eibenpräparate) Probleme , dass zum Beispiel die Zehennägel sich entzünden oder sie Schmerzen in den Nervenbahnen bekommen. Dagmar K. hatte nach der zwölften Chemotherapie geringe Schmerzen in drei Zehen, mehr nicht.

Jeden Tag sollten die Patientinnen eine Stunde spazieren gehen, um den Kreislauf und die Muskulatur zu stärken. Während der Zeit der veganen Kostphase sollten die Patientinnen sich gesund vegan ernähren inklusive komplexer Kohlenhydrate wie Vollkornhafer, Kartoffeln und Vollwertreis. Auf Obstsäfte sollten sie verzichten genauso auf Rote Bete und Möhren, da sie viel Zucker also Glukose enthalten. Pflanzenmilch war erlaubt. Zwischen den Chemotherapien wurde eine vegetarische Ernährung empfohlen.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum warnt

Da die Pilotstudie nur 34 Patientinnen umfasste und somit eine sehr kleine Studie war, sind die Ergebnisse nur ein erster Hoffnungsschimmer. Man kann daher bisher das Fasten während der Chemotherapie nicht empfehlen. Dafür sind weitere Studien mit wesentlich mehr Patienten und anderen Tumorarten nötig. Momentan läuft eine Studie mit 150 Frauen mit Brustkrebs.

Die beiden Ärztinnen empfehlen stattdessen 36 Stunden vor und bis 24 Stunden nach einer Chemotherapie eine vegane Ernährung. Erste Erfahrungen zeigen ähnlich gute Effekte auf das Befinden der Patientinnen wie das Fasten. Ganz wichtig ist auch eine ärztliche Begleitung beim Fasten, da Betroffene auf keinen Fall alleine Fasten sollten.


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