Warum sollten viele Veganer toleranter sein? Bei vielen Diskussionen auf meiner Facebookseite bin ich immer wieder erschrocken darüber, wie radikal viele Veganer sind. Da ich mich erst seit fast vier Jahren vegan ernähre und auf dem Land mit vielen Fleischessern als Freunde und Bekannte, lebe, versuche ich immer, möglichst tolerant zu sein und lange Diskussionen zu vermeiden. Schließlich hat man fast jede Diskussion schon einmal geführt. Meine Freunde wissen inzwischen bescheid und lassen mich einfach in Ruhe.

Ganz anders sieht es bei anderen Veganern aus. Neulich hatte ich eine sehr lange Diskussion darüber, dass ich es sehr traurig finde, dass man unter Veganern offenbar nur dann ein echter Veganer ist, wenn man es aus ethischen Gründen ablehnt, tierische Produkte zu konsumieren. Nur dann ist man ein „besserer“ Mensch. Wer „nur“ aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen vegan lebt oder die Umwelt und das Klima schützen will, ist ja quasi nur ein Lifestyleveganer!

Aber wer definiert eigentlich, wie ein guter Mensch zu sein hat?

Die Bibel? Wie wir aus der Geschichte lernen können, hat uns das auch nicht sehr weit gebracht und es wurde im Namen der Bibel viel Leid über die Menschheit gebracht! Ich finde vielmehr, dass viele Veganer sich einmal an die eigene Nase fassen und überlegen sollten, ob sie nicht vielleicht auch ihre Schwachstellen haben und demnach auch nicht so perfekt sind, wie sie sich selbst gerne sehen.

Es gibt viele Veganer, die zwar aus ethischen Gründen vegan leben, es ihnen aber vollkommen egal ist, dass viele vegane Produkte von Nestlé oder Unilever kommen, wie beispielsweise das Eis von Ben & Jerry’s oder die neuen Sorten von Cornetto. Die regelmäßig Avocados essen, die in vielen Anbaugebieten für Wasserknappheit sorgen, da 3 Stück schon 1000 Liter Wasser verbrauchen.

Was bringt es der Umwelt, wenn man sich zwar vegan ernährt, aber Kleidung kauft, die unter unsäglichen Bedingungen für die Näherinnen in China oder Bangladesch hergestellt werden? Oder kein bisschen darauf achtet, Plastikmüll zu vermeiden? Jedes Jahr mehrmals mit dem Flugzeug als cooler digitaler Nomade nach Bali fliegt?

Ist da der Fleischesser, der nur Biofleisch isst, sich regional und saisonal ernährt und fair hergestellte Kleidung kauft, mit der Bahn oder dem Rad fährt und nur sehr selten fliegt, trotzdem ein „schlechterer“ Mensch? Vielleicht spendet der dafür regelmäßig Blut, pflegt seine Angehörigen oder liest ehrenamtlich im Kinderheim Geschichten vor? Oder die Oma, die ehrenamtlich im Tierheim mit Hunden spazieren geht? Kommt es nicht viel mehr darauf an, dass wir alle auf unsere ganz eigene Weise jeden Tag versuchen, die Welt ein Stückchen besser zu machen?

Warum es gut ist, dass Bücher wie der Ernährungskompass wochenlang auf der Spiegel Bestsellerliste stehen

Wenn ich Bücher wie das von Bas Kast, der Ernährungskompass rezensiere, und den Link auf Facebook teile, kommt fast immer der Kommentar, dass er ja nicht schreibt, dass alle Menschen vegan leben sollten. Oder Richard David Precht wird nach der Veröffentlichung seines Buches Tiere denken, vorgeworfen, dass er ja selber noch Fleisch isst und man ihn deshalb nicht ernst zu nehmen brauche.

Ich denke, dass viele Veganer in einer Art Filterblase leben und überhaupt kein Gefühl mehr dafür haben, dass es schon ein riesiger Fortschritt wäre, wenn alle Menschen, wie beispielsweise Bas Kast, nur noch einmal im Monat Biofleisch aus Freilandhaltung essen würden! Das wäre dann schon mal das Ende der Massentierhaltung und wir hätten wieder ähnliche Zustände wie vor ein paar Jahrzehnten, als es noch richtige Bauernhöfe gab und jeder ein paar Tiere gehalten hat. Das Futter würde er selbst anbauen und bräuchte kein Soja aus dem Regenwald als Tierfutter, vom intensiven Antibiotikamissbrauch wäre auch nichts mehr zu lesen.

Welche Tatsache auch nicht zu vernachlässigen ist, dass Bücher wie Tiere denken oder der Ernährungskompass es gar nicht erst zu einer so hohen Auflage schaffen würden, wenn dort das Wort vegan drauf stehen würde. Viele Leser würden denken, dass sie da wieder nur jemand missionieren will.

Da sie aber quasi jungfräulich daher kommen und die Leute sich natürlich für die Themen Tiere und Ernährung interessieren, werden die Bücher massenweise gekauft und auch gelesen. Und wer das Buch von Precht gelesen hat, der weiß, dass er dort kein Blatt vor den Mund nimmt, was die Ausbeutung der Tiere als Lebensmittel, für Tierversuche und im Zoo oder Zirkus angeht. Auf einer Konferenz in Berlin hat er mal gesagt, dass es keinen Spaß mache, mit Veganern zu diskutieren, da man eh einer Meinung sei. Er diskutiere zum Beispiel lieber mit Jägern, da gäbe es viel mehr Reibung.

Ich bin der Meinung, dass wir alle toleranter miteinander umgehen sollten! Keiner ist perfekt und Veganer auch nicht! 🙂


Mehr Informationen

Rezension: Der Ernährungskompass von Bas Kast
Richard David Precht: Das Ende des Fleischkonsums – Segen für alle?
Rezension: Tiere denken von Richard David Precht

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