Rezension: Fisch-Mafia von Eskil Engdal und Kjetil Sæter

1 Euro pro verkauftem Buch Fisch-Mafia gehen an die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd!

Wie es sich für einen Krimi gehört, beginnt das Buch mit einem geheimen Treffen: „Der Regen peitscht gegen die großen Fensterscheiben des Flughafengebäudes. Er steht in der Ankunftshalle und hält ein Schild mit unseren Namen hoch, als würden wir zu einer Konferenz oder einer Safari abgeholt. Er habe seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, sagt er.“ Die norwegischen Journalisten Eskil Engdal und Kjetil Saeter schildern in Fisch-Mafia die kriminelle und bandenartige Vorgehensweise von Fischwilderern. Für ihre Recherche werteten sie Verhörprotokolle aus und befragten Zeugen. Sie dokumentieren die monatelange Verfolgungsjagd der Umweltorganisation Sea Shepherd hinter der illegalen Fangflotte in der Antarktis. Das Buch liest sich wie ein Krimi – nur leider ist dieser nicht fiktiv sondern die schonungslose Realität. Leser bekommen einen tiefen Einblick in das Denken und die Arbeitsweise der skrupellosen Geschäftemacher auf unseren Weltmeeren.

Die Paten der Fisch-Mafia

Das Geschäft mit dem Antarktisdorsch ist illegal – und so lukrativ wie Drogenhandel. Polizei und Behörden gucken weg und die Flotte von Piraten-Trawlern spült ihren Eignern zweistellige Millionenbeträge in die Taschen. Der illegale Handel mit Antarktisdorsch ist kaum in der Öffentlichkeit bekannt. In den 80er Jahren kam der bis zu zwei Meter lange, graue und schmucklose Tiefseefisch erstmals in amerikanischen Restaurants auf den Teller: „Der Antarktisdorsch glich einer Mischung aus Hummer und Jakobsmuschel und er wurde von vielen als der wohlschmeckendste Fisch bezeichnet. Die Jagd auf das ‚weiße Gold‘ bringt verdecktes Vermögen und droht die langsam wachsende Delikatesse auszurotten.“

Fisch-Mafia
Die Autoren Eskil Engdal und‎ Kjetil Sæter. Foto: Simon Ager

Die Machenschaften der Wilderer sind seit Jahrzehnten bekannt, werden jedoch nicht geahndet, denn in internationalen Gewässern können nationale Behörden wenig ausrichten. In vielen Staaten gibt es lückenhafte Fischereigesetze und korrupte Hafenbeamte. Im Dezember 2014 nahm das Sea Shepherd-Schiff My Bob Barker unter Leitung von Kapitän Peter Hammarstedt Kurs auf die Antarktis, um die „Bandit 6“ auf eigene Faust zum Aufgeben zu zwingen. Die „Bandit 6“ sind sechs Schiffe, die unter immer wieder wechselnder Flagge für den Mafia-Clan Vidal Armadores im spanischen Galicien unterwegs sind.

Entdeckung in der Antarktis

Kapitän Hammarstedt gelang es, das berüchtigtste Schiff der illegalen Flotte – die „Thunder“ – aufzuspüren und es zur Flucht zu zwingen: „Plötzlich sieht Hammarstedt auf dem Radar, dass sich einer der langsam treibenden Punkte in die entgegengesetzte Richtung zu den träge dahingleitenden Eisbergen bewegt. Geschwindigkeit sechs Knoten und Kurs Südwest. Das muss ein Schiff sein.“ Das Sea Shepherd Schiff Sam Simon holte später die zurückgelassenen Fangleinen ein: „Es war ein scheußlicher Albtraum. Die Grundleine hörte nicht auf. Nach drei Wochen Arbeit lagen 70 Kilometer Leine in großen Rollen auf dem Deck. Neben Rochen, Quallen und Krabben entfernten sie 1.400 Antarktisdorsche in unterschiedlichen Verwesungsstadien. Es ist ein Fang, für den der Eigentümer der Thunder eine Million Dollar hätte kassieren können.“

Für diese Umweltverbrechen sind nicht die südostasiatischen Seeleute verantwortlich, die wegen des guten Lohnes auf den Schiffen arbeiten: „Die Schiffe gehörten Gesellschaften in Steuerparadiesen wie Panama, aber der Gewinn floss zurück nach Galicien, wo die Familie in eine Fischölfabrik, in Immobilien und Windkraftanlagen investierte. Von Brüssel, Madrid und der Provinzregierung von Santiago de Compostela bekam die Familie zehn Millionen Euro an Subventionen – trotz der lautstarken Proteste von Umweltbewegungen.“

Fisch-Mafia
Die Sea Shepherd-Manschaft besteht aus Freiwilligen verschiedener Länder. Hier haben sich auf der Brücke versammelt: Kapitän Peter hammarstedt (Schweden), Kommunikationsoffizier Stefan Ehmann (Deutschland), Obersteuermann und Erster Offizier Adam Meyerson (USA), Kommunikationsoffzier Emmerich Reize (Deutschland), Zweiter Steuermann Anteo Broadfield (Australien), Erster Steuermann Paola Sainz (Frankreich), Schiffsarzt Stefano Geniere Nigra (Italien) und Quartiermeister Alexis ‚Lex‘ Rigby (Großbritannien). Foto: Simon Ager

Unklare Besitzverhältnisse, Korruption, gefälschte Papiere

Besatzung und Schiffe der Wilderer sind meist mit gefälschten Papieren unterwegs. Die Schiffe sind häufig unter mehreren Flaggen und Namen gelistet, die je nach Situation getauscht werden, so dass am Ende alle den Überblick verlieren. Sogar die Mongolei führt ein Schiffsregister obwohl der nächste Hafen rund 1.300 Kilometer weit weg ist: „Das Register war die Idee von Nambaryn Enkhbayar, dem Ministerpräsidenten der Mongolei, und sollte den Kunden ‚exzellente Leistungen bei Schiffsregistrierungen und maritimen Dienstleistungen‘ bieten. Er tat nichts anderes, als die Souveränität der Mongolei an private Gesellschaften zu verleihen, angeblich um für lukrative Einnahmen in der Staatskasse zu sorgen.“

Die Jagd von Kapitän Hammarstedt auf hoher See führte ihn bis vor die Küste Westafrikas. Dort fand die Verfolgung ein abruptes Ende. „Um 12.52 Uhr legt sich die ‚Thunder‘ ins Wasser. Es ist, als würde sich der Rumpf aufbäumen. Zuerst flutet das Wasser den hinteren Teil des Achterdecks, dringt dann steuerbord durch die Fenster des Ruderhauses, der Kiel hebt sich 80, dann 90 Grad… Als der vordere Teil des Bugs verschwindet, färbt sich das Meer türkis. Dann schließt sich das Meer still über der ‚Thunder‘.“

Es war die längste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Seefahrt. Kjetil Sæter sagt: „Das Schiff stand seit mehr als zehn Jahren auf der Schwarzen Liste und hatte es geschafft, jeglicher Staatsgewalt zu entkommen. Es war eine Art Geisterschiff. Jeder wusste, dass es irgendwo dort draußen war, aber niemand hatte es stoppen können.“

Als die Thunder schon kräftig Schlagseite hat, gehen der Erste Maschinist Erwin Vermeulen und zwei seiner Kollegen an Bord des Schiffes. Foto: Simon Ager

Informationen gegen Bezahlung

Leser erfahren zwischendurch viel über die Hintergründe der illegalen Fischerei beispielsweise in nigerianischen Büros, von den Verhältnissen in den Häfen sowie der Zusammenarbeit von Sea Shepherd mit dem Hauptquartier von Interpol. Sie zeigen, dass viel Organisation nötig ist, um Flaggen zu besorgen, Hafenbeamte zu bestechen, Fischaufkäufer zu finden, die keine Fragen stellen und die illegalen Einnahmen anschließend zu waschen.

An Bord des sinkenden Schiffes findet die Sea Shepherd-Mannschaft Antarktisdorsch. Foto: Simon Ager

Die Wilderer nutzen politisch instabile Staaten, mangelnde Rechtsprechung für internationale Gewässer und schlechte internationale Zusammenarbeit von Behörden und Polizei aus. Für Interviews sind Engdal und Sæter zu verschiedOrten gereist. Auch Informanten, die selbst am organisierten illegalen Fischfang mitwirken, gaben ihnen anonym oder gegen Bezahlung Auskunft. Mit Kapitän Hammarstedt telefonierten sie viel und schrieben tausende E-Mails.

Die Fischfabrik im Inneren der Thunder, in der die Fische gereinigt, geschlachtet und zum Einfrieren fertig gemacht werden. Foto: Simon Ager

Ich kann das Buch sehr empfehlen, denn es liest sich wie ein Krimi mit einer Verfolgungsjagd durch Treibeis, durch Stürme und Nebelbänke sowie der Welt der mafiösen illegalen Fischerei auf den Meeren. Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: Ist doch egal, ob die Fische legal oder illegal gefangen werden, das Meer ist doch eh schon überfischt und seine Bewohner durch Plastikmüll vergiftet. Aber ich denke anders: Die legale Fischerei kann man durch Gesetze ein bisschen regulieren. Wilderer nicht. Es müsste mehr Organisationen wie Sea Shepherd geben! Meine Hochachtung vor der Arbeit dieser Menschen ist durch das Buch ins unermessliche gestiegen und ich verbeuge mich hiermit vor ihnen 😉

Open Ship der Sam Simon in Bremen Februar 2016


Mehr Informationen

Autor: Eskil Engdal und‎ Kjetil Sæter
Titel: Fisch-Mafia: Die Jagd nach den skrupellosen Geschäftemachern auf unseren Weltmeeren (Werbung)
Erschienen: 17. August 2017
Verlag: Campus Verlag
Form: 339 Seiten gebunden
ISBN: 978-3593506715
Preis: 26,95 €
Leseprobe 1
Leseprobe 2

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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