Richard David Precht: Das Ende des Fleischkonsums – Segen für alle?

Richard David Precht bei seinem Vortrag auf der The End of Meat-Konferenz.
Richard David Precht bei seinem Vortrag auf der The End of Meat-Konferenz.

Richard David Precht erläuterte in seinem Vortrag „Das Ende des Fleischkonsums – Segen für alle?“ auf der The End of Meat-Konferenz in Berlin Ende August die Bedingungen und Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels, der ein Ende des Fleischessens mit sich bringen würde. Sein Buch „Tiere Denken“ habe ich bereits im Blog rezensiert und ich kann es euch sehr empfehlen! Er plädiert dort für einen ganz neuen Umgang mit Tieren.

Precht ist einer der bekanntesten Philosophen im deutschsprachigen Raum. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung „Precht“ im ZDF und ist Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Gibt es einen Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Precht beginnt seinen Vortrag unter anderem mit den Worten: „Es gibt zwei Kategorien von Tieren: Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt und die andere hat darunter zu leiden. Die erste nennt sich selbst Menschen und das andere sind eben nur Tiere.“ Im Laufe der Menschheitsgeschichte sei diese Unterscheidung nicht sehr schwierig gewesen, erzählt er. Spätestens seit Charles Darwins Entstehung der Arten 1859 sei klar, dass Menschen auch Tiere sind: „Wir wollen nicht so tun als ob die Menschen das nicht vorher auch gewusst hätten. Wenn sie sich mit Philosophie beschäftigen oder biologischer Theoriebildung, dann ist völlig klar, auch schon im 18. Jahrhundert wussten die Menschen, dass Menschen Tiere sind.“

Carl von Linné war ein schwedischer Naturforscher, der mit der binären Nomenklatur die Grundlagen der modernen botanischen und zoologischen Taxonomie schuf und den Namen Homo sapiens erfand: „Er hatte große Probleme, den Menschen von anderen Menschenaffen zu unterscheiden. Der Gorilla war damals noch nicht bekannt, aber Schimpanse und Orang Utan. Er hat gesagt: Ich weiß kein einziges Unterscheidungsmerkmal nachdem ich als Biologe sorgfältig den Menschen von anderen Tieren trennen könnte. Trotzdem macht er das, weil er Angst hat, mit der schwedischen Kirche Ärger zu kriegen. Deshalb kommt die Unterscheidung zustande von Homo sapiens, dem Menschen und Pan, dem Schimpansen. Pan-domicilium cavae übersetzt der Höhlen bewohnende Pan. Damals hatte man noch die Vorstellung, Schimpansen würden in Höhlen leben.“

Diese Unterscheidung ziehe sich durch die ganze Kulturgeschichte und sei häufig die Begründung für die Legitimität von Fleischessen. Erst in jüngerer Zeit fange man an, sich Gedanken darüber zu machen, was ein natürlicher Umgang mit Tieren sei: „Es gibt Leute, die sagen, der natürliche Umgang ist, Tiere als Mitgeschöpfe zu achten und sie von allen Böswilligkeiten zu verschonen. Es gibt andere Leute, die sagen ein natürlicher Umgang ist das, was Menschen schon immer gemacht haben, mein Gott, Menschen haben, seit es sie gibt, Tiere gegessen. Der Mensch ist halt von Natur aus Jäger. Beide berufen sich auf etwas Natürliches. Aber die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, sind meilenweit voneinander entfernt.“

Was ist also ein natürlicher Umgang mit Tieren?

„Die ehrliche Antwort darauf ist: Es gibt keinen. Es gibt keinen natürlichen Umgang mit Tieren. Ein natürlicher Umgang mit Tieren ist dem Menschen nicht gestattet. Der Mensch, alles was der Mensch macht, denkt und tut, ist seine Kultur. Selbst seine Vorstellung von Natur ist eine kulturelle Erfindung,“ betont er.

Unsere Vorstellung von Natur heute decke sich nicht mit der Vorstellung von Natur wie sie zur Zeit der französischen Aufklärung war und nicht mit der Vorstellung von Natur, die die alten Griechen hatten. Jede Vorstellung von Natur sei eine kulturelle Vorstellung: „Jedes Bild, was wir von Tieren entwerfen, ist eine von Menschen gemachte kulturelle Fantasie. Deshalb ist uns ein natürlicher Umgang mit Tieren beziehungsweise eine natürliche Definition dessen, was natürlich sein soll, nicht möglich.“

Wir können Archäologie betreiben und gucken, wie sind Menschen früher mit Tieren umgegangen? Aber wo fange man an: „Wo fängt der Mensch an? Niemand weiß das. Je mehr sie sich mit Paläoanthropologie beschäftigen, umso schwieriger ist es zu sagen, wo der Mensch anfängt.“ Jedes Jahr entdeckten Wissenschaftler mehr Vorfahren des Menschen und die Verwandtschaftsverhältnisse seien ungeklärt. Es sei daher sehr schwierig, einen Anfang zu finden und zu sagen: Das ist der eigentliche Mensch: „Wobei der Philosoph hier noch die Frage stellen könnte: Ist der eigentliche Mensch der, der vor 3 Millionen Jahren gelebt hat oder ist der eigentliche Mensch jetzt?“

Neandertaler jagten Mammuts unter großen Gefahren

Wie seien die Menschen vor zwei oder drei Millionen Jahren mit Tieren umgegangen? Aßen sie Fleisch? Viele Menschen glauben, unsere Vorfahren seien alle Neandertaler gewesen, in schneeumtosten Höhlen lebten und Mammuts jagten. Doch das habe nicht mal ein Prozent der Menschheit gemacht. In diese unwirtlichen Regionen verschlug es den Menschen erst sehr viel später, erklärt der Philosoph: „Das Mammutjagen war nicht so eine schräge Passion, ja, das machte man im Winter vielleicht zweimal. Ja und dann weil man musste. Es war mit hohen Opfern verbunden, normalerweise gingen immer ein paar dabei drauf. Es ist nicht so, dass die jetzt aus Passion gejagt hätten, weil es so im Mann und Mensch drin ist, Mammuts zu jagen.“

Paläo? Eher Früchte, Samen, Insekten und Fisch

„Was im Menschen drin ist, ist, sich so gut wie möglich versuchen zu ernähren, proteinreich. Das kann man durch Früchte und Sämereien aber richtig gut geht das mit Insekten. Eine arttypische Ernährungsweise des Menschen sind fette Käfer. Wenn ich immer all die Leute sehe, die Paläo-Diäten machen und meinen, sie müssten hierfür rohe Rinder essen – das ist nicht besonders arttypisch. Wenn sie stattdessen Käfer zuhause züchten und die essen – dieses Prozent ist, was der Mensch oder unsere Vorfahren vor Millionen von Jahren eine natürliche Ernährung nennen würden.“

Das Jagen von großen Tieren wurde dem Mensch durch Speere möglich, erst mit Stein-, später mit Metallspitze sowie Pfeil und Bogen. Das sei aber erst in den letzten 150.000 Jahren menschlicher Entwicklung gewesen. Auch das Essen von Großtieren, die man in Fallen hätte fangen können, war unseren Vorfahren nicht möglich, betont er.

„Ich erinnere mich, das ist jetzt ziemlich lange her, dass ich mal ein Carpaccio gegessen habe, das ein Zentimeter dick geschnitten war. Ich habe das nicht gegessen, sie können das mit ihren Zähnen nicht kauen. Selbst wenn die Reißzähne jetzt ein wenig kleiner geworden sind als vor 100.000 Jahren – vor 100.000 Jahren konnten sie das auch nicht kauen. Das heißt die Voraussetzung zum normalen Fleischkonsum ist das Feuer. Das Andere ist die Waffentechnologie, um diese Tiere zu erlegen.“

Gucke man sich die Geschichte der Ausbreitung des Menschen von Afrika aus an, so erkenne man, dass die Menschen meist entlang von Flüssen und an Meeresküsten gewandert seien: „Fisch zu essen ist eine sehr arttypische Verhaltensweise des Menschen, sehr viel arttypischer als Großwild zu jagen, was es vereinzelt und nur in den Gegenden gegeben hat, in denen es nicht genügend Wasser und Fische gab“.

Unsere Großeltern aßen noch den Sonntagsbraten

Der Mensch könne Fleisch essen da er ein Mischköstler sei und schon immer tierische Proteine zu sich genommen habe: „Aber in einem sind wir uns einig: Das was wir heute machen – sie natürlich nicht – , haben wir vorher noch nie gemacht. Vor einigen Monaten bin ich auf der Meat aufgetreten, vor Schlachthofbesitzern und den Präsidenten des Metzgereihandwerks usw., die würden jeden Tag ein hohes Quantum an Tieren essen. Das geht erst durch die industrielle Massentierhaltung – mit Ausnahme der Inuits. Da wachsen relativ wenig Pflanzen in Grönland, da hat man sich viel von Robben und Walen ernährt, das war für die eine arttypische Verhaltensweise.“ Die Anuga Meat ist übrigens die größte Fleischmesse der Welt und findet in diesem Jahr im Oktober in Köln statt.

Erst innerhalb der letzten 50 Jahre begannen die Menschen, jedem Tag Fleisch zu essen: „Noch in der Generation meiner Großeltern kam einmal in der Woche der Sonntagsbraten auf den Tisch. Also wir sind da stark aus der Art geschlagen, mit dem, was wir mit Tieren heute machen – und was viele, immer noch die meisten Menschen, für einen Normalzustand ansehen und nicht einen sehr spezifischen Punkt menschlicher Ernährung.“

In Ländern wie China und Indien hätten die Menschen unabhängig von Religionen, einfach nicht die Ressourcen gehabt, um jeden Tag Fleisch zu essen. Auch in Europa kam im Kaiserreich vielleicht einmal die Woche oder alle zwei Wochen Fleisch auf den Tisch: „Was wir heute an Fleisch essen, ist etwas vollkommen absurdes in jeglicher Relation zu dem, was es jemals bedeutet hat, in einer menschlichen Kultur zu leben. Das ist der Bogen – jetzt kann man sagen, was spricht dafür, Fleisch zu essen und was spricht dagegen? Ich diskutiere sehr ungerne mit Vegetariern und Veganern, schon aus dem einfachem Grund: Man ist sich in vielen einig – die Diskussionen sind dann nicht so spannend,“ erklärt er.

Diskussionen mit Jägern sind spannender

„Ich rede ja viel lieber mit den Leuten, die das verteidigen. Mit Jägern zum Beispiel… ich rede auch gerne mit Massentierhaltern. Ich weiß, es gibt einige von ihnen, die würden denen nicht die Hand geben, sich nicht an den Tisch setzen mit denen. Ich mach das sehr gerne, weil ich natürlich immer hoffe, ich muss die kriegen, ich muss nicht sie kriegen, sie sind ja schon auf derselben Seite. Man muss dahingehen, wo es weh tut, wenn man missionarisch unterwegs ist.“

Von Jägern und Viehzüchtern kämen die typischen Argumente, wie zum Beispiel, dass der Mensch Allesfresser sein, es in der Natur des Menschen liege, zu jagen und – wichtigstes Argument – das habe man immer schon gemacht: „Jetzt gibt es natürlich viele Dinge in der Natur des Menschen, die man schon immer gemacht hat: Frauen vergewaltigen und Kriege führen. Wir können sagen, dass es die ganze Entwicklung der menschlichen Moral ist, von vielen Dingen, die der Mensch schon immer gemacht hat, loszukommen. Das nennen wir die kulturelle Entwicklung, mit allen möglichen Rückschlägen usw. Aber das schlechteste Argument, was man machen kann, ist zu sagen: Das hat man immer schon gemacht.“

Damit begründe man überhaupt nichts: „Dann würde man ein Plädoyer für einen moralischen Stillstand auf Vorsteinzeitniveau halten. In anderen Bereichen würde man nicht sagen, Frauen vergewaltigen ist in Ordnung, weil das ist halt in vielen Männern.“ Gewohnheiten wie Fleischessen verlören heute immer mehr ihre Bedeutung.

Vor 20 Jahren gab es hier keine 20.000 Veganer

2016 gab es in Deutschland bereits 1,3 Millionen Veganer und etwa 8 Millionen Vegetarier: „Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal ein Buch schrieb über das Verhältnis von Mensch und Tier, was ich dann letztes Jahr überarbeitet habe, gab es keine 20.000 Veganer in Deutschland – und es gab eigentlich, ehrlich gesagt, noch nicht mal richtige Zahlen dazu. Die Veganer, die es gab, machten das zu 99 Prozent als Angehörige mehr oder weniger radikaler Tierrechtsorganisationen. Das heißt also vegan war eine Nischenverhaltensweise in einem sich revolutionär begreifenden Umfeld. Es ist natürlich dem Fitnesskult, den wir heute um Ernährung machen, geschuldet, dass diese Zahl im Rahmen von vielen, vielen Faktoren so stark ansteigen konnte, worüber ich mich natürlich sehr freue.“

Macht es Cultured Meat den Menschen zu einfach?

Im Film The End of Meat wird gezeigt, dass die Lösung für den großen Hunger der Menschen auf Fleisch, in der Petrischale liegen könnte. Wissenschaftler wie Prof. Dr. Mark, der als Pionier der Cultured Meat Bewegung gilt, zeigen, dass es in den nächsten Jahren möglich sein wird, Fleisch zu essen ohne, dass dafür ein Tier getötet werden muss. 2013 präsentierte er in London den ersten im Labor gewachsenen Rindfleischburger, finanziert von Google-Mitbegründer Sergey Brin. Damals noch im Wert von 250.000 €. In etwa fünf Jahren, schätzt er, könnte sein erster Burger im Supermarkt liegen. Dr. Mark Post forscht als Biowissenschaftler an der Universität Maastricht.

Precht sieht sich als großen Anhänger von Cultured Meat und erzählt: „Ihr müsst ja im Prinzip nicht Vegetarier werden, es gibt noch eine andere Lösung. Als großer Verteidiger von Mark Post sitze ich auf Podiumsdiskussionen mit Leuten die finden das ganz schlimm. Da hat man so viel Überwindung reingesteckt, ethisch gut zu sein, hat sich vom Fleischkonsum gelöst, ist erst Vegetarier, dann Veganer geworden, und dann kommt da einer mit einer Abkürzung. Daraus wird dann normalerweise folgende Frontstellung: Ja, man kann dann sagen, das ist immer noch nicht sauber. 200.000 Kühe werden gebraucht, Kälberserum wurde verwendet usw. Man findet Argumente, warum das moralisch schlecht ist. Es wird aber eine falsche Alternative aufgebaut und diese falsche Alternative bedeutet: Entweder es werden alle Vegetarier oder alle essen Kulturfleisch.“

Dr. Mark Post mit Cultured Beef. Foto: mindjazz pictures
Dr. Mark Post mit Cultured Beef. Foto: mindjazz pictures

Diese Alternative sei nicht die Frage. Mache man eine ganz realistisch nüchterne Betrachtung der gesamten Szene, werde deutlich: „Wenn alle Deutschen Vegetarier und Veganer würden, dann würde kein einziger Massentierhaltungsbetrieb in Deutschland schließen. Schon jetzt geht zwei Drittel dessen, was wir an Fleisch produzieren, ins Ausland. Vor 20 Jahren befand sich die deutsche Fleischindustrie in einer großen Krise. Die waren nämlich nicht mehr in der Lage die neuen Weltmarktpreise – das ging damals schon in China ordentlich los, aber auch andere Länder, auch die Holländer, produzierten günstiger, – zu halten. Seitdem hat man rationalisiert, was das Zeug hält, und hat den Preis gedrückt.“

Bei 12 Milliarden Menschen ist Cultured Meat die Rettung

Werde das Fleisch sowieso ins Ausland exportiert, sei es egal, ob die Deutschen alle Vegetarier werden oder nicht. Das hieße im Umkehrschluss jedoch nicht, dass man nicht versuchen solle, Menschen davon zu überzeugen, Vegetarier oder Veganer zu werden. Das sei eine völlig falsche Logik: „Die Logik ist: Wir haben es nicht mit einer Entweder-Oder-Situation zu tun. Warum nicht? Die großen Zukunftsmärkte der Leute, die mehr und mehr Fleisch essen wollen, liegen in Indien, in China. Ich will den Missionar unter ihnen sehen, der den Chinesen, die aufgrund der ökonomischen Situation, ärmste Reisbauern, von denen jetzt aufgrund der ökonomischen Situation 300 Millionen oberhalb der Armutsgrenze leben, sagt: Ihr sollt kein Fleisch essen.“

Im Vergleich zu den großen Zahlen in Indien und China, falle Deutschland überhaupt nicht ins Gewicht. Um 12 Milliarden Menschen mit Fleisch zu versorgen, ohne dass wir in ein ökologisches Desaster gelangten, müssten wir zwingend jetzt handeln: „Da werden sie als Missionare noch 50 oder 100 Jahre unterwegs sein, bis sie das je einem Chinesen oder Inder erklärt haben. Da freue ich mich, dass es eine Abkürzung über das Kulturfleisch gibt.“

Burger aus Cultured Meat für hippe SUV-fahrende Biokunden

Die Vorstellung des ersten im Labor gewachsenen Rindfleischburgers 2013 sei nun fast fünf Jahre her. Damals habe dieser noch 250.000 € gekostet. Wenn er nun in fünf Jahren 20 oder 30 € koste, sei das eine enorme Entwicklung. Auch was die Akzeptanz angehe, sei er optimistisch: „Menschen gewöhnen sich an jeden Scheiß. Als die ersten Handys Anfang der 90er Jahre aufkamen, dachte ich mir: Das setzt sich nicht durch. Wer ist denn so doof und will jederzeit erreichbar sein? Das war für mich eine Horrorvorstellung, totale Freiheitsberaubung. Dass sich das innerhalb so kurzer Zeit durchsetzen würde, hat kaum jemand vermutet. Ich glaubte gestern Abend tatsächlich, mein Handy verloren zu haben und war in einem Schockzustand.“

In seinem Buch habe er humorvoll versucht, einen Blick in die Zukunft der nächsten 10 bis 15 Jahre zu wagen: „Irgendwann landen die ersten Burger am Prenzlauer Berg in Biosupermärkten, kosten deutlich mehr als normales Fleisch und der klassische Kunde ist der SUV fahrende Ökostromkunde. Also ’ne Mischung aus gutem Gewissen plus Status. Weil das Ding ist sehr teuer, das muss man sich leisten können. Dann wird der Preis weiter sinken und alle, die im Biosupermarkt einkaufen, werden das probieren wollen.“

Das Ende des Fleischkonsums

Wie werde die Fleischindustrie reagieren? „Ich weiß wie man so was macht: Man lanciert Artikel in den großen Zeitungen, gibt dubiose Studien in Auftrag, die schreiben, es ist krebserregend. Das ist die erste Gegenwelle, die man hat. Dann werden alle konservativen Clowns, so Leute wie Böhmermann – ‚Ich esse Fleisch‘-T-Shirts usw. tragen, echtes Fleisch, echte Tiere, ich esse nichts, was nicht blutet – da wird es dann so eine folkloristische Gegenbewegung geben, auch das ist völlig klar. Es wird Männer geben, die einen irrsinnigen Wert darauf legen, dass das, was sie im Sommer auf den Grill legen, ein echtes Tier ist. Dass das auch gelitten hat dafür – weil, das ist männlich. Dieser Kult stirbt nicht gleich aus.“

Kinder, die damit aufwachsen und für die das ganz normal sei ist, Cultured Meat zu essen, weil es günstiger und ethischer sei, würden es seltsam finden, dass ihre Großeltern oder ihre Eltern noch echte Tiere auf dem Grill Wert gelegt haben. Die Anzahl der Mitesser werde kleiner: „Junge Frauen, die, wenn die 14, 15 sind und einen Freund haben und der sagt, dass er echte Tiere isst, finden das eklig. So ähnlich wie wenn sie jetzt einen 15-jährigen Freund haben und der sagt er ist Militariasammler, das ist so was ranziges und total unsexy. Wenn es mit dem Preis klappt, setzt es sich durch.“

Echtes Fleisch werde es auch noch in 20 Jahren in München auf dem Viktualienmarkt in Form von bayerischen Spezialitätenwürstchen geben. Es halte sich noch lange werde aber zum Nischenprodukt.

Ökobauern verlieren ihr sauberes Image

„Ich hätte mir nie gedacht, dass ich nach Erscheinen meines Buches auf Podien sitzen und Ökobauern meine größten Feinde werden würden. Ich habe zweimal diskutiert mit dem Ökobauernpräsidenten, er fühlte sich von mir total blöd angegriffen, weil eins ist klar: Wenn die Massentierhaltung verschwindet, dann ist der Ökobauer der Böse. Plötzlich ist der, der sich von Anfang der 80er Jahre als der Gute definierte, in die Position dessen gerückt, wo man sagt: Du tötest ja Tiere, echte Tiere. Was machst Du da? Muss man doch heute nicht mehr. Für den Präsidenten war das sehr schwer. Sein Argument dagegen war, da flüchtete er sich hinein, um nicht der Böse zu sein: Das ist Gentechnik.“

Cultured Meat sei keine Gentechnik sondern ein reproduktionsmedizinisches Verfahren. Bis man ein Steak, das mit diesem Verfahren hergestellt wurde, im Supermarkt kaufen könne, dauere bestimmt 20 Jahre, da es schwer sei, die Texturen entsprechend aufzubauen. Die Frage werde sein, ob in 20 Jahren jemand diese Textur überhaupt noch haben will: „Es kann also sein, dass sie gar nichts mehr haben wollen, was wie richtiges Fleisch aussieht, weil sie sich daran gewöhnt haben, sowieso was anderes zu essen. Was auch noch zu beachten ist, ist die Tatsache, dass diese Zellkulturen unglaublich empfindlich sind gegenüber Bakterien. Die Hygiene und das Sterilhalten benötigen sehr viel Energie, was der Hauptgrund dafür sein wird, dass es nicht so schnell möglich sein wird, das so günstig herzustellen.“

Großinvestoren sichern sich Patente

Soviele Vorteile Cultured Meat auch biete, Precht sieht auch zwei große Gefahren darin: „Die erste ist, dass es ein weltweit gigantisches Geschäft ist und wer einigermaßen in die Zukunft blicken kann, der sieht das auch. Und die die das tun und dabei groß mitmischen, sind Sergey Brin von Google und Peter Thiel, übrigens ein Mensch, der keiner menschlichen Regung verdächtig ist. Ein Zyniker, ein rechtsaußen-Republikaner und Großinvestor. Der starke Mann hinter Facebook. Das ist der Mann, dem PayPal gehört. Der investiert da rein, weil die natürlich sehen was da für ein Riesengeschäft kommt. Aber die haben vor allem folgendes Interesse: Dass die sich nämlich die Verfahren patentieren lassen, mit denen das entsprechende Fleisch hergestellt wird. Das kann man in Europa seit 1997.“

Er habe sich vor ein paar Jahren sehr viel damit beschäftigt im Zusammenhang mit der grünen Gentechnik, die er abgelehnt habe und immer noch ablehne. Damals habe es ein Urteil gegen die Firma Novartis bzw. zu Gunsten von der Firma Novartis gegeben: „Das war das was Greenpeace Patent auf Leben nannte. Die europäische Patentkommission nennt das nicht Patent auf Leben sondern man lässt sich ein bestimmtes Verfahren zur Herstellung von patentieren. Das könnten sie auch. Marc Post könnte sich sein Verfahren patentieren lassen und könnte dieses Patent an Google oder jemand anderen verkaufen, sehr verkürzt und vereinfacht ausgedrückt. Wenn sie in Europa und Amerika die Patente haben, dann ziehen sie das im ganz großen Stil auf und bauen überall ihre Silos, ökologisch ganz großartig, weniger Wasser und Boden, all diese Vorteile. Aber das bedeutet, dass irgendwann die Ernährung der Welt in den Händen ganz weniger liegt. Es passiert dasselbe, was bei der Suchmaschine mit Google passiert ist.“

Deutsche Politiker verschlafen das Geschäft

Dieser Prozess passiere ja nicht unweigerlich allerdings dürften wir diese Entwicklung nicht verschlafen: „Ich sehe im Augenblick keinen, der das sieht und das ist etwas was mich entsetzt. Wenn ich mit Politikern darüber rede, dann sagen die: ‚Ach, das müssen wir mal sehen, das wollen die Leute doch gar nicht essen.‘ Also ich rede jetzt von Agrarministern auf Länder- und Bundesebene. ‚Das ist doch Zukunftsmusik, das wird irgend so ein kleines Spartensegment.‘ Die bagatellisieren das.

Warum? Weil jeder deutsche Landwirtschaftsminister sich in erster Linie als Lobbyist der bestehenden Industrie sieht. Unser Bundeslandwirtschaftsminister war vorher ein Rüstungsexperte. Der hatte sich mit Landwirtschaft nie intensiv beschäftigt. Wer berät den? Der Bauernverband, die Agrarindustrie usw. Der macht Lobbypolitik und seine Aufgabe ist es, die deutschen Interessen so stark es geht in Brüssel durchzusetzen. Da denkt der nicht an Entwicklungen, die in fünf oder zehn Jahren sind. Der denkt nur an den Status Quo.“

Subventionen für eine Agrarwende

Wenn wir jetzt nicht darüber nachdenken seien in fünf Jahren diese Patente verteilt, betont er: „Die Leute, die dahinter stehen, wissen, wie man das macht. Die wissen, wie man Weltmärkte erobert, das haben die nicht zum ersten mal gemacht. Das ist wahnsinnig gefährlich! Das ist auch der Grund, warum ich in Frankfurt auf der Meat aufgetreten bin. Was ich vorhin erzählt habe. Da habe ich den ganzen Fleischbaronen erzählt, wenn ihr jetzt nicht in den nächsten fünf Jahren da ordentlich rein investiert und euer Geschäftsmodell ändert, dann wird es euch so gehen wie der Automobilindustrie, die in zehn Jahren in Deutschland auch kein Geschäftsmodell mehr hat weil sie nichts anderes gemacht hat, als eine Entwicklung, die man nicht aufhalten kann, nach allen Regeln der Kartellbildungkunst versucht hat, zu blockieren.“

In kleinen Segmenten werde es noch Leute geben, die noch länger Fleisch herstellen: „Aber dieses schnöde Massentierhaltungsfleisch das keinen Charme hat und das sie auch nicht auf dem Grill haben wollen, das kein Statussymbol ist, das nicht besonders schmeckt usw. Das wird ersetzt. Da bin ich ganz sicher, dass das passiert. Das wird wesentlich schneller gehen als viele Leute sich das vorstellen können. Wir müssen das subventionieren, das Cultured Beef, so wie wir das bei der Energiewende gemacht haben. Wir müssen eine Agrarwende im großen Stil subventionieren. Wir müssen dafür sorgen, dass deutsche mittelständische Unternehmen in diesen Markt reinkommen und nicht globale Konzerne das Geschäft unter sich ausmachen, die in Deutschland nicht mal Steuern zahlen. Wir sind dabei, das zu verschlafen.“

Kleinbauern müssen Gemüse anbauen

Er sehe die enormen ökologischen Vorteile von Kulturfleisch, wenn man sich die Landflächen angucke, die im Moment als Weideland genutzt werden. Cultured Meat verbrauche wesentlich weniger Energie und Wasser. Aber was passiere, wenn Kulturfleisch günstiger werde als konventionell hergestelltes Fleisch? „Hunderte Millionen Menschen in der sogenannten dritten Welt verlieren ihre Arbeit. Wozu soll der Massaikrieger noch seine Kühe haben, was soll der kleine Betrieb in Indonesien machen? Ich rede jetzt nicht von den großen Rinderfarmen in Argentinien, die werden zum richtigen Zeitpunkt in ein anderes Geschäft investieren. Ich rede von den Kleinbauern auf der ganzen Welt, deren Fleisch teurer ist als Cultured Meat.“

Diese Kleinbauern müssten statt Viehzucht zu betreiben, auf Gemüseanbau umsteigen und es am besten biodynamisch und vegan anbauen, damit sie es auf unseren Märkten verkaufen könnten: „Das können sie nur, wenn wir ein einseitiges Freihandelsabkommen mit diesen Ländern der dritten Welt machen. Dann können die ihre Produkte ohne Zölle bei uns verkaufen aber jeden erdenklichen Zoll auf unsere Produkte erheben. Das ist die Grundlage dafür, dass wir die nicht komplett austrocknen.“

Politiker brauchen die Fähigkeit zur Utopie

Es hänge alles miteinander zusammen, man könne technologische Entwicklungen nicht isoliert betrachten und die soziale Komponente nicht außer acht lassen: „In solchen Situationen sagt der Wissenschaftler: ‚Das kann ich ja jetzt nicht machen. Da ist die Politik gefordert.‘ Die Politik gibt es nicht und die Leute, die sich damit beschäftigen, die gibt es im Augenblick noch nicht mal. Alles das, was ich hier erzähle, kenne ich nicht aus Fachdiskussionen. Das sind keine Sachen über die ich mich mit Politikern austauschen kann. Wir verschlafen alle Folgen dieses Agrarwechsels.

Worauf wollen wir warten? Dass wir von den Mauern, die wir um Europa bauen, schießen müssen? Es würde nicht mehr lange dauern. Wir müssen die Umstellung der Weltwirtschaft im Hinblick auf die Fleischwirtschaft zusammen mit alternativen Konzepten für all die Menschen, die im mittleren und unteren Bereich Viehzucht betreiben, zusammen neu denken. Dafür brauchen wir Marshallpläne, um das umzusetzen. Um nicht die Katastrophe abzuwarten.

Die große Frage nach der Ernährung der Zukunft ist eine ökologische und eine ethische. Da haben wir gigantische Chancen. Aber werden wir sie nutzen oder wird Google sie nutzen? Wie verknüpfen wir das mit den sozialen Folgeerscheinungen? Das bedarf wirklich die Fähigkeit zur Utopie. Und wenn unsere Politik irgendetwas verloren hat, dann die Fähigkeit zur Utopie. Im Moment blüht in Deutschland die Retropie: Früher war alles besser. Oder die Dystopie: Alles wird immer schlimmer.

Wenn wir es nicht schaffen Utopien überhaupt erst mal zu entwickeln, sind wir verloren. Wir werden diese Utopien nicht vollständig erreichen. Es ist nicht unsere Aufgabe auf dieser Erde den Himmel auf Erden zu realisieren aber wir sollten versuchen, die Erde auf Erden lebenswerter zu machen.“


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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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