Rezension: Landraub von Kurt Langbein & Christian Brüser

Filmplakat Landraub„Kaufen sie Land. Es wird keines mehr gemacht,“ – ist dieses Zitat von Mark Twain die Ausrede von internationalen Finanzinvestoren für immer brutaleren und rücksichtsloseren Landraub? Die globale Jagd nach Ackerland wird immer attraktiver, denn Ackerland ist inzwischen wertvoll und selten. Jedes Jahr gehen etwa 12 Millionen Hektar Agrarfläche durch Versiegelung verloren. Kein Wunder, dass nach der Finanzkrise 2008 das globale Finanzkapital die Äcker der Welt als Geschäftsfeld entdeckte. Mit dem Landraub wollen die Reichsten der Welt sich Zugriff auf die wichtigste Ressource dieser Welt sichern – doch wollen wir, dass statt Bauern internationale Konzerne mit ihren Profitinteressen über die Böden und unsere Lebensgrundlagen bestimmen?

Kurt Langbein, Jahrgang 1953, setzt sich in seinem Film „Landraub“ mit diesem Thema auseinander und porträtiert die Investoren und ihre Opfer. Die Investoren sprechen begeistert von gesundem Wirtschaften, Sicherung der Nahrungsversorgung und Wohlstand für alle. Die Opfer erzählen von Vertreibung, Versklavung und vom Verlust der wirtschaftlichen Grundlagen.

Langbein studierte Soziologie in Wien und arbeitete von 1979 bis 1989 als Dokumentarfilmer und Magazin-Journalist beim Österreichischen Rundfunk ORF, von 1989 bis 1992 war er Ressortleiter Inland beim österreichischen Nachrichtenmagazin „profil“ und ist seit 1992 als Geschäftsführer der „Langbein & Partner Media“ Produzent und Regisseur zahlreicher Dokumentarfilme und TV-Reportagen. Außerdem ist er Autor etlicher Sachbücher (u.a. Bittere Pillen 1983, Kursbuch Gesundheit 1986, Leben verlängern – um welchen Preis? 1994, 1996, Das Medizinkartell 2003, Verschlusssache Medizin 2009, Radieschen von oben – über Leben mit Krebs 2012). 2011 erhielt der den Leopold Ungar-Preis für die TV-Dokumentation „Vom Sinn des Gebens“.

In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses. Foto:
In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses. Foto: Movienet Film GmbH

Äthiopien, Sierra Leone, Indonesien, Malaysia, Kambodscha, Rumänien

Es ist fast egal, auf welches Land man guckt – überall ist es das gleiche Bild: Die Böden werden für GPSgesteuerte Maschinen im großen Stil eingeebnet, der Verbrauch an Wasser, Chemie und Energie ist in der Agrarindustrie enorm. Eine Fläche halb so große wie Europa wurde bereits aufgekauft, die Bauern und indigenen Völker mussten weichen. Statt Nahrung für die Region anzupflanzen, wird im großen Stil für die Märkte der wohlhabenden Länder produziert. Es sind Programme der EU, die zu riesigen Plantagen für die Biospriterzeugung und zur Zuckerproduktion führen. Mit Entwicklungshilfegeldern sichern Superreiche ihre Investitionen ab.

„Für Agrarinvestoren ist Äthiopien der Himmel auf Erden!“

Jan Prins, ein schlanker, großer Holländer, führt durch seine riesigen Gewächshäuser bei Awassa, vorbei an Tomaten und Paprika: „Äthiopien ist ideal: Das Klima ist perfekt, es gibt genug Wasser und fruchtbares Land! Die Regierung unterstützt uns Investoren mit passenden Agrarflächen.“

In Äthiopien erntet Arbeiterin Almengema Alemayoh Tomaten im Gewächshaus des Gemüsebauers Jan Prins.
In Äthiopien erntet Arbeiterin Almengema Alemayoh Tomaten im Gewächshaus des Gemüsebauers Jan Prins. Foto: Movienet Film GmbH

Unermüdlich pflücken die Arbeiterinnen Tomaten und anderes Gemüse. Männer fahren es in den Packraum, dort wird es poliert, verpackt und im Kühlraum gelagert. Der Sohn einer niederländischen Tomatenzüchterfamilie ist als Berater ins Land gekommen. Schnell hat er erkannt, dass es sich lohnt, hier ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Er schwärmt von Äthiopien: „Wir produzieren Spitzenqualität für die Fünf-Sterne-Hotels in Dubai, die nur drei Flugstunden entfernt sind. Wegen des günstigeren Transports und den niedrigeren Produktionskosten haben wir gegenüber Europa einen Wettbewerbsvorteil.“

Wie der Wettbewerbsvorteil erzielt wird, erfahren die Zuschauer, als sie nach Dienstschluss die Arbeiterin Alemgema Alemayoh nach Hause begleiten. Beim Ausgang wird sie kontrolliert und am ganzen Körper abgetastet, sodass sie kein Gemüse herausschmuggelt. „Ich habe noch nie vom Gemüse gegessen, das ist streng verboten“, erzählt die junge, abgezehrt wirkende Frau auf dem kurzen Weg zu ihrer ärmlichen Lehmhütte. 24 Euro verdient sie im Monat. Vier Kinder warten schon auf sie. „Ich habe noch drei weitere Kinder, aber die leben bei meiner Mutter, weil ich sie nicht ernähren kann.“

In der Hauptstadt Addis Abeba erklärt der Chef der Agrarinvestitionsbehörde Bekele Mogessie: „Wir bemühen uns um ausländische Investoren, denn sie erwirtschaften Devisen für unser Land. Sie bringen Technologie und Know-how.“ Ob es genügend freies Land gebe, möchten wir wissen. „Ja, es gibt Land, in Gambela!“ Dass in Gambela, einer Region nahe der Grenze zum Sudan, die dort lebenden Halbnomaden aus der Volksgruppe der Anuak mit Zwang umgesiedelt wurden, um Investoren Platz zu schaffen, erzählt der Direktor nicht.

Allein im abgelaufenen Fiskaljahr hat Äthiopien 2,3 Millionen Hektar Ackerland an Investoren vergeben. „Im ersten Durchgang des Kolonialismus sind wir mit Armeen im Gepäck gekommen und haben den Leuten ihr Land weggenommen. Jetzt nehmen wir es ihnen wieder weg“, sagt Agrarwissenschaftler Felix zu Löwenstein im Film: „Das Schlimme ist, es wird dadurch das Land noch nicht einmal besser genutzt. Das hat soziale Folgen, die uns eines Tages teuer zu stehen kommen werden“.

Ausgerissener Baum in Sierra Leone
Ausgerissener Baum in Sierra Leone. Foto: Movienet Film GmbH

Sierra Leone: „Wir wollen einen Teil unseres Landes zurück. Das ist unsere einzige Hoffnung.“

Bislang wurden in Sierra Leone Pachtverträge mit Investoren über rund eine Million Hektar Land abgeschlossen – 18 Prozent der kultivierbaren Fläche des Landes.

Das Schweizer Unternehmen Addax Bioenergy will sich zum Musterschüler stilisieren. Auf ca. 15.000 Hektar gut bewässertem Ackerland baut Addax Zuckerrohr an und gewinnt daraus Ethanol, das als „bio“-Treibstoff-Beimischung nach Europa exportiert wird. Addax hat vieles getan, um den Geldgebern, darunter auch die Österreichische Entwicklungsbank, das Bild eines fairen Deals zu vermitteln. Die Pachtverträge wurden allerdings nicht zwischen Addax und den Landeigentümern direkt geschlossen, sondern mit den Chiefs, vergleichbar etwa einem Bürgermeister. Auch der Vertragstext stand nicht zur Disposition, über ihn ist nie verhandelt worden. Der Vertrag räumt Addax Anspruch auf das gesamte Land der Dorfbewohner ein. Addax hat für 76 Jahre das exklusive Verfügungsrecht über Felder, Flüsse, Dörfer, Wälder und alle anderen Formen der Umwelt. Addax kann entscheiden, welche Ressourcen das Unternehmen teilen will und welche es exklusiv nützt. Bei Streitfällen ist ein Schiedsgericht in London zuständig.

Die Bauern klagen nun, dass z.B. die Entschädigungen für vernichtete Bäume viel zu niedrig waren. Für eine gefällte Ölpalme hat man den Bauern 6 Dollar gezahlt, dabei hätten sie damit mindestens 20 Jahre lang jährlich 20 Dollar verdienen können. Ist das nachhaltig?

Außerdem führe die Wasserentnahme zu großen Problemen berichtet Ibrahim Serie, Dorfvorseher von Mabansa. „Wenn Addax uns keinen Brunnen baut, bringen sie uns um“, sagt er, „jetzt mischt Addax sogar Chemikalien ins Wasser und versprüht es auf den Feldern. Zuerst wurden die Pestizide von Hand ausgebracht. Doch Addax sagt, es wurde zu viel gestohlen. Nun schicken sie die Chemikalien mit dem Wasser durch die Beregnungsanlage auf die Felder. Unsere Tiere sterben, wenn sie das Unkraut am Rand der Zuckerrohrfelder fressen.“

Unabhängige Prüfungen im März 2014 haben ergeben, dass Brunnen und Oberflächenwasser u.a. mit dem Herbizid Durion belastet waren, das in Frankreich verboten ist. Der Dorfvorsteher weiter: „Wir haben gemerkt, dass wir sehr viel verloren haben. Selbst ein paar Äste zum Bauen dürfen wir nicht mehr nehmen. Wir wollen einen Teil unseres Landes zurück. Das ist unsere einzige Hoffnung.“

Felix zu Löwenstein. Foto: Movienet Film GmbH
Felix zu Löwenstein. Foto: Movienet Film GmbH

Der Biosprit von Addax wird nach Europa verschifft. In Afrika heizt die Europäische Union mit der Biosprit-Verordnung die Nachfrage nach Boden massiv an. „Es hat etwas Perverses, dass wir unsere Tanks mit der Nahrungsfläche der Menschen auf der anderen Seite der Welt füllen“, bringt es Agrarwissenschaftler und Biobauer Felix zu Löwenstein auf den Punkt. „Mit ein, zwei Tanks Biosprit für meinen Traktor verbrauche ich so viel Fläche, wie eine ganze Familie ein Jahr lang zum Leben braucht, der sogenannte Biosprit ist extrem flächenineffektiv.“

Palmöl aus Malaysia und Indonesien: „Sie werden lächeln, wann immer Sie Ihre Bank besuchen!“

Die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie hat Palmöl als billiges, extrem haltbares und in jeder Konsistenz einsetzbares Universalfett entdeckt. Die Nachfrage verdoppelt sich alle 10 Jahre. Malaysia mit 30 Prozent und Indonesien mit 50 sind die weltweit größten Palmölproduzenten. Der Rest entfällt auf Thailand, Kolumbien, Brasilien, Nigeria und andere westafrikanische Länder.

Wir essen den Regenwald – die enorme Nachfrage nach Palmöl führt zu massiven Abholzungen mit der damit verbundenen Zerstörung der Artenvielfalt. Alleine in Indonesien gehen derzeit jedes Jahr 620.000 Hektar verloren. Durch die Entwässerung der abgeholzten Torfboden entweicht Kohlendioxid in die Atmosphäre. Dadurch ist Indonesien für knapp zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und steht hinter China und USA an dritter Stelle der größten Klimasünder. Die Abholzung des Regenwaldes verursacht bereits mehr klimaschädliche Treibhausgase als der gesamte Automobil- und Flugverkehr zusammen. Schätzungen der Weltbank zufolge stehen 70 Prozent der Plantagen auf zuvor bewaldeten Flächen, 25 Prozent sogar auf früheren Torfflächen.

Malaysia: Suriya Moorthy, Berater für Agrarinvestitionen.
Malaysia: Suriya Moorthy, Berater für Agrarinvestitionen. Foto: Movienet Film GmbH

Suriya Moorthy erzählt, warum das Öl so attraktiv für Investoren ist. Seit mehr als 40 Jahren ist der studierte Agronom im Palmölbusiness tätig. Jahrzehntelang war er direkt für das Management von Plantagen zuständig, später im Controlling, er hat Palmölplantagen im Kongo und in Neuguinea aufgebaut und stellt nun sein Know-How als Berater bei Værsa Partners Ltd. zur Verfügung.

Wenn wir eine sinnvolle Anlagemöglichkeit für eine Million Dollar suchen, warum sollten wir in Palmöl investieren? Moorthy lächelt. Mit sichtlichem Vergnügen beantwortet er diese Frage: „Nehmen wir lieber 100 Millionen Dollar, dann können sie sich selbst eine Plantage mit 10.000 Hektar kaufen. Mit dem heutigen Hybridsaatgut für Palmen können sie bereits nach 24 Monaten mit der Ernte beginnen. Im dritten Erntejahr können sie 30 Tonnen pro Hektar erzielen. Das ist eine ganze Menge. Grob gesprochen verdienen sie jedes Jahr 38 – 40 Millionen Dollar. Jedes Jahr! Ich finde, das ist sehr gut. Sie werden lächeln, wann immer Sie Ihre Bank besuchen“, verspricht er.

Seit dem Dreh im Juni 2014 ist der Preis für Palmöl gesunken. Aber immerhin, je nachdem, wie kosteneffizient die Plantage betrieben wird, kann der jährliche Gewinn einer 10.000 Hektar-Plantage bei 20 bis 25 Millionen Dollar liegen – und das über Jahrzehnte.

Martin Häusling, deutscher Abgeordneter im EU-Parlament und Biobauer, kennt die Ursachen des Palmöl-Booms: „Zunehmend wird unsere Nahrungsmittelproduktion, aber auch die Futtermittelproduktion, ausgelagert in Länder außerhalb von Europa. Weil man da billiger produzieren kann – und weil, das muss man deutlich sagen, mit der Hilfe von korrupten Regimes Landraub betrieben wird“, sagt der Parlamentarier. „Das heißt: Konzerne eignen sich Land an, um für den europäischen Markt zu produzieren, sowohl im Nahrungsmittel als auch im Treibstoffbereich. Das hat mittlerweile System und wir in Europa verhindern das nicht. Die Politik schaut in vielen Bereichen einfach zu, weil man sich nicht traut, da auch mal ernsthaft durchzugreifen. Wenn wir sagen würden, wir importieren solche Nahrungsmittel nicht mehr nach Europa, wenn wir wissen, da wurden Kleinbauern vertrieben, da gibt es massive Umweltzerstörung, dann könnten wir durchaus – und die Möglichkeiten haben wir – sagen, wir verbieten den Import in die Europäische Union und schon wäre das Geschäftsmodell futsch.“

Kambodscha: „Als ich Kartoffeln pflanzen wollte, kam der Bulldozer und hat alles zerstört.“

Ein kleines buddhistisches Kloster in Phnom Penh. Der Hof ist voller Menschen, die im Dämmerlicht sitzen oder liegen. Traurige, leere Gesichter, die etwas Schlimmes erlebt haben müssen. Der Mönch Luon Sovath verabredet, der in Kambodscha „Multimedia-Mönch“, dokumentiert Fälle von Landraub, filmt und fotografiert die gewaltsamen Vertreibungen und stellt die Videos auf Facebook. Sie belegen, wie brutal die Behörden den Investoren Land verschaffen.

"Multimedia-Mönch" Luon Sovath kämpft in Kambodscha gegen den Landraub.
„Multimedia-Mönch“ Luon Sovath kämpft in Kambodscha gegen den Landraub. Foto: Movienet Film GmbH

Luon Sovath sitzt in seiner Kammer und bearbeitet Videos: Ein gepanzerter LKW fährt ein Haus um. Die Pfähle, auf dem das kleine Holzhaus steht, knicken um wie Streichhölzer: mit einem Ruck hat der LKW das ganze Haus flachgelegt. Es sind die Häuser der Menschen, die im Kloster Zuflucht gesucht haben, erklärt der Mönch. „Die Behörden und eine vietnamesische Firma haben die Häuser von 405 Familien zerstört. Sie haben den Menschen alles genommen, Mopeds, Tiere usw., sie mit Waffen verjagt und dann die Reste ihrer Häuser niedergebrannt. Auf ihrem Land nahe der Grenze zu Vietnam wollen sie eine weitere Kautschuk-Plantage anlegen.“

Die Flüchtlinge, die eine improvisierte Großküche aufgebaut haben, erzählen ihre Geschichten. Heng Kiemhiet schneidet Fleisch: „Wir hatten drei Hektar Ackerland. Als ich Kartoffeln pflanzen wollte, kam der Bulldozer und hat alles zerstört.“ Eine hagere Frau kommt hinzu und erklärt: „Sie haben unser ganzes Land dem vietnamesischen Bin Phoeuk-Konzern gegeben. Wir haben geweint, aber die Polizisten haben gesagt, dass wir hier illegal sind und weg müssen.“

Luon Sovath ist ständig mit solchen Fällen konfrontiert. Etwa 500.000 Menschen in Kambodscha, so erzählt er, seien von Landkonflikten betroffen oder bereits vertrieben worden. Die Regierung hat 2,6 Millionen Hektar Land an Konzerne vergeben, 65 Prozent der gesamten Anbaufläche Kambodschas. Enormen Schub hat die Vertreibung ausgerechnet durch die EU erfahren. Als eines der ärmsten Länder der Welt profitiert Kambodscha vom zollfreien Marktzugang in die EU im Rahmen des EBA- (Everything But Arms) Abkommens.

Besonders lukrativ hat sich der Verkauf von Zucker in die EU erwiesen, weil die EU darauf von anderen Ländern Zölle einhebt. Bis 2008 wurde in Kambodscha überhaupt kein Zuckerrohr angebaut. Heute umfassen die Zuckerrohrplantagen mehr als 100.000 Hektar und es werden mehr. 2013 hat Kambodscha Zucker im Wert von 50 Millionen Euro in die EU verkauft. Eine Handvoll Reicher und Mächtiger hat mit dem Zucker 50 Millionen Euro verdient, gleichzeitig wurden für die Zuckerplantagen mehr als 12.000 Menschen von ihrem Land vertrieben.

Martin Häusling erzählt: „Das europäische Parlament hat im Jahr 2012 explizit zu Kambodscha eine Resolution verabschiedet, dass die Kommission aufgrund der Menschenrechtsverletzung dieses Handelsabkommen aussetzen soll. Aber das wurde nicht gemacht, sondern man hat den Versprechen der kambodschanischen Regierung geglaubt, dass jetzt alles gestoppt sei, dass man die Praxis der Landvertreibung ändert.“ Darauf hin hat der Handelskommissar der EU – damals noch Karel De Gucht – gesagt, alles sei in Ordnung. Es sei auf einem guten Weg. Häusling sieht das anders: „Nichts ist auf einem guten Weg, man muss eindeutig sehen, da haben sich jetzt so viele Konzerne sehr gut ein eigenes Geschäft angeeignet. Und das Ganze läuft ja auch unter Beteiligung europäischer Konzerne, auch Zuckerkonzerne, die da involviert sind im Geschäft. Und die lassen sich ihr Geschäftsmodell jetzt nicht kaputtmachen.“

Industriell betriebene Landwirtschaft in Rumänien.
Industriell betriebene Landwirtschaft in Rumänien. Foto: Movienet Film GmbH

Rumänien: Hemische Bauern begehen aus Verzweiflung Selbstmord

Andreas Bardeau ist sein Stolz anzusehen, wenn er durch seine Weizenfelder schreitet, die in vollem Korn stehen. Mit einer ausladenden Geste zeigt er seine Besitztümer. Auf 18.000 Hektar bauen Vater und Sohn Bardeau in Rumänien Weizen, Sonnenblumen, Mais und Futter für ihre Kühe an. Andreas Bardeau ist der größte österreichische Agrarinvestor in Rumänien. Er stammt aus einer europäischen Adelsfamilie. „Unsere Familie war schon immer in der Landwirtschaft tätig.“

Als sich der EU-Beitritt Rumäniens abzeichnete, entschloss sich Bardeau 2001, im Banat zu investieren. Während viele ausländische Investoren erst nach der Finanz- und Lebensmittelkrise 2008 begannen, Agrarland als Investitionsziel zu entdecken, hatte „der Graf“, wie ihn die Menschen in den rumänischen Dörfern nennen, sehr früh die Chancen erkannt: „Wir waren relativ früh dran, wo sich eigentlich viele an den Kopf gegriffen haben, warum wir so etwas tun. Aber man muss am Anfang ein bisschen ein Risiko eingehen!“

Heute sind bereits etwa 700.000 Hektar oder acht Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Rumäniens in ausländischer Hand. Rumänische Bauern, die expandieren wollen, kommen angesichts der rasant steigenden Preise nicht mehr an Land. Valentin Kovacs‘, der in der Nähe von Lugoj auf 30 Hektar einen Familienbetrieb mit 50 Schweinen und 30 Milchkühen betrieb, klagte: „Es gibt hier kein Land mehr zu kaufen. Dadurch sind wir in unserer Tätigkeit eingeschränkt. Es gibt nichts mehr. Was derzeit passiert, ist der sichere langsame Tod.“ Einige Monate nach den Dreharbeiten erreichte das Filmteam die Nachricht, dass er seinem Leben ein Ende gesetzt hat.

Die EU fördert diese Entwicklung noch, statt sie zu bremsen. In Rumänien erhält ein Prozent aller Betriebe die Hälfte der gesamten EU-Agrarsubventionen. Es sind alles Betriebe, die mehr als 500 Hektar groß sind. 70 Prozent aller rumänischen Bauern – etwa vier Millionen Höfe – bekommen überhaupt keine EU-Zahlungen. EU-Parlamentarier und Bauer Martin Häusling: „Das System ist völlig absurd. Wenn ein Betrieb mehrere Tausend Hektar hat, bekommt er massenhaft Subventionen. Damit kann er dann die nächsten 1000 Hektar kaufen. Es gehörte umgedreht. Wir müssen Kleinstrukturen fördern und nicht den Großen noch mehr dazugeben. Die könnten davon leben, dass sie Agrarprodukte verkaufen, warum müssen wir denen das Geld hinterher werfen?“


Mehr Informationen

Homepage des Films Landraub
Interview mit dem Regisseur des Films: LANDRAUB

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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2 Kommentare

  1. Und man muss gar nicht so weit gehen – in Nord- und Ostdeutschland sind die Agrarwüsten auch auf dem Vormarsch. Und selbst im Süden, traditionell durch Realteilung weniger homogen und dadurch vielfältiger als das mit Anerbenrecht groß gehaltene Flächenbauerntum im Norden, sehe ich immer mehr Sonnenblumen und Raps und weniger traditionelle Kulturpflanzen.
    Familienbetriebe haben es immer schwerer. Ich sehe es bei uns – die zerstückelten Äcker und Wiesen sind natürlich aufwändiger und weniger effizient zu bewirtschaften. Aber dafür haben wir eine andere Qualität: Die Feldraine und zwischengelagerten Streuflächen machen alles für den Tourismus attraktiver. Ganz davon ab, dass es der Biodiversität gut tut.

    Natürlich ist das, was in Deutschland passiert, nur Pillepalle gegen den Raub, der in anderen Ländern geschieht. Aber den Anfängen zu wehren ist immer eine gute Idee. Meck-Pomm und Brandenburg sind auf ihren Anbauflächen schon artenärmer als ein Parkplatz.

    Deshalb: EU-Förderung von Quoten abkoppeln. Nur noch nachhaltige Landwirtschaft fördern. Sonderprämien für Hofübergaben innerhalb der Familie.

    • Moin Madame Graphisme,

      bei mir hier in Niedersachsen wächst quasi nur noch Raps, Mais und ein bisschen Kartoffeln und Getreide. Es gibt nicht ganz so große Felder wie beispielsweise in Ostdeutschland, wo ich vor einiger Zeit mit dem Zug durchfuhr. Ich war ehrlich gesagt entsetzt! Kilometerweit nur Monokulturen. Kein Wunder, dass sich dort Sandstürme bilden wie in der Wüste, wenn die Bäume fehlen.

      Ich bin oft in Schleswig-Holstein im Urlaub gewesen und mir fiel dort auf, dass die Landschaft schon wesentlich schöner ist als hier bei uns in Niedersachsen. Das ist aber auch bedingt durch die leichten Hügel, die hier komplett fehlen.

      Aber wenn man die Bilder aus Film und Fernsehen von den Monokulturen in Südamerika und Asien sieht, kriegt man es mit der Angst! Ich jedenfalls.

      Der einzige Ausweg aus dieser Sache ist eine starke Bewegung in der Zivilbevölkerung, denn die Politik wird nichts dagegen unternehmen da die Lobbyisten viel zu einflussreich sind.

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