Kai Schumann im Interview: „Eigentlich müssten sich die Fleischesser rechtfertigen!“

Kommissar Nikolas Heldt (Kai Schumann) ermittelt in Bochum. Copyright: ZDF/© Frank Dicks
Kommissar Nikolas Heldt (Kai Schumann) ermittelt in Bochum. Copyright: ZDF/© Frank Dicks

Ja, auch prominente Veganer wie Kai Schumann hören fast täglich die gleichen Sprüche, wie wir sie uns alle anhören müssen. Der sympathische Schauspieler ist bekannt aus „Tatort“, „Heldt“ und „Doctor’s Diary“ und einige kennen ihn vielleicht als sexy Motiv mit nacktem Oberkörper für die Anti-Pelzkampagne von PETA.

Wie geht er mit solchen Sprüchen um? Isst er im Film vegane Ersatzprodukte? Wie ist sein Alltag? All diese Fragen und noch viel mehr beantwortet er mir im Interview.


Hallo Herr Schumann, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben. Meine Leser und ich freuen uns sehr darüber. 2013 haben Sie den Bericht einer Tierärztin aus ihrem Schlachthofpraktikum gelesen und sich gesagt, dass Sie jetzt kein Fleisch mehr essen können. Haben Sie es von einem Tag auf den anderen geschafft, das Fleisch wegzulassen? Was war mit Käse?

Ich habe in meinem Leben ja schon etwa drei bis viermal Ansätze zu einer veganen Lebensweise gehabt. Für mich war die Käse- und Milchproduktion immer gleichbedeutend mit der Massentierhaltung und deshalb bin ich schon in meiner Jugend nie Vegetarier, sondern immer eher Veganer gewesen, obwohl ich den Geschmack von Käse immer geliebt habe. Nach dem Bericht der Tierärztin war es genauso.

Zum Dreh der zweiten Staffel ‚Heldt‘ kamen Sie ins Grübeln und haben Ihre Ernährung wieder umgestellt. Leben Sie jetzt ökologischer?

Ja, es hängt ja alles zusammen. Ich gebe mir inzwischen mehr Mühe, darauf zu achten. Ich fliege nicht mehr innerhalb von Deutschland, sondern fahre mit der Bahn. Früher bin ich viel hin- und hergeflogen. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass man nicht mehr so gestresst ist. Zum Dreh wird man normalerweise immer mit dem Auto abgeholt. Solange die Strecken nicht zu lang sind, versuche ich, diese mit dem Rad zu fahren. Ich mache mir auch Gedanken, welchen Stromanbieter ich nehme und kaufe regional und saisonal ein. Nach Möglichkeit kaufe ich kein Obst und Gemüse aus Übersee, da diese Produkte einen schlechten ökologischen Fußabdruck haben.

Verzichten Sie auch auf trendige Superfoods?

Ich bin mir da immer nicht so ganz klar, was das bedeutet.

Gojibeeren, Acaibeeren und Chiasamen.

Ich muss sagen, ich mag Chiasamen schon sehr gerne, aber die sind nicht mein täglicher Lebensbegleiter. Ich habe gerade neulich gelesen, dass die im Endeffekt auch eine sehr schlechte Klimabilanz haben.

Avocados zum Beispiel auch!

Ja, das finde ich auch ganz schlimm, weil Avocados so gut schmecken und genau da liegt das Problem. Es ist doch immer so, dass du gerade was gefunden hast, was dir richtig gut schmeckt und dann kommt BÄM! Ach Leute, lasst mich doch damit in Ruhe, es kann doch nicht sein. Aber es ist klar, alles was der Mensch im Übermaß konsumiert, führt zu einer Überbelastung des Planeten, ist ja logisch.

Ich habe sogar neulich gelesen, dass den Bauern in Neuseeland von Diebesbanden nachts die Avocados von den Bäumen geklaut werden.

Ach ehrlich?

Ja!

Ist ja krass! Das ist krass, eigentlich dürfte man gar keine mehr essen.

Die bewachen die nachts inzwischen sogar.

Momentan ist ja wirklich überall Avocado drin, egal in welchen Laden du gehst. In jedem Burger und Gericht steckt die Frucht drin.

Weil es halt lecker ist und alles aufpeppt.

Die Bäume verbrauchen auch sehr viel Wasser.

Ja, ein Kilo Avocados verbraucht 1.000 Liter, was zweieinhalb Avocados bedeutet. Wie lief Ihr Outing als Veganer ab? Haben Freunde und Kollegen Witze gemacht?

Ach das ist ein ewiger Alltag, dass die Leute immer Witze machen. Manche fühlen sich davon angegriffen. Ich bin ja in der Hinsicht nicht radikal. Ich versuche, niemanden zu missionieren, aber ich rede darüber, wenn Leute mich fragen. Ich versuche nicht, jemanden vom veganen Lebensstil zu überzeugen, weil ich der Meinung bin, wenn es nicht aus einem Menschen selber kommt, kann es nicht von dauerhafter Haltung und Veränderung sein.

Es gibt eine Geschichte, die ich immer wieder gern erzähle. Es kommt oft vor, dass ich mit Freunden am Tisch im Restaurant sitze. Vor einiger Zeit hat sich ein guter Freund von mir einen riesigen Fisch bestellt und davon nur ein Drittel gegessen. Ich habe dann gesagt: ‚Zwei Drittel dieses Fisches, dieses armen Tieres, der für deine Ernährung gestorben ist sind dann umsonst gestorben.‘ Da war ich echt böse und habe gesagt: ‚Wenn das Tier schon stirbt, dann iss es gefälligst auch!‘ Ich habe dann echt den Rest des Fisches gegessen, weil erstens gewisse Stoffe in dem Fisch ja auch gut für mich sind und zweitens wenn es dann weggeschmissen wird, wäre das die weitaus größere Schande und Schmach.

Das ist der Spielraum, in dem ich mich in meiner Lebensweise bewege. Es wird viele radikale Veganer geben, die das wahrscheinlich unmöglich finden, wenn ich sowas sage, aber meine Haltung ist die der indigenen Völker, die außerhalb der Massentierhaltung leben und Respekt den Tieren gegenüber haben. Im Rahmen meiner Möglichkeiten wäre dort ein Fleischkonsum für mich normal. Aber in unserer modernen Lebensweise, in der wir leben, ist es derart seelenlos wie wir die Tiere behandeln, sie quälen und foltern nur, damit sie für uns Nahrung sind – so ist es für mich nicht tragbar.

So ähnlich geht es mir auch. Mein Freund isst nur noch sehr selten Fleisch, ist aber kein Veganer, und wenn dann mal ein Stück Käse übrig ist, dann kommt das ins Risotto. Ich sage mir auch, dass weg schmeißen nicht geht.

Ja, finde ich auch, weg schmeißen ist das weitaus größere Übel. Wir schmeißen in unserer Gesellschaft so viel weg. Das finde ich eben besonders schlimm wenn die Tiere in ihrem Leben durch diese ganze Folter und Qual in den Mastfabriken und diesen unglaublichen Tötungsmaschinerien durch müssen nur, um dann am Ende auf dem Müll zu landen. Da blutet mir das Herz dann richtig.

Ja, eine schreckliche Vorstellung. Haben Sie gesundheitliche Verbesserungen an sich bemerkt nach der Umstellung?

Ich fühle mich insgesamt leichter, das kann ich sagen. Mein ganzer Körper kommt mir leichter vor, aber das ist eher so das Einzige. Vitamin B12 war bei mir auch ein Thema, worauf ich achten musste weil ich mich sonst schlapp gefühlt habe.

Kai Schumann: "Pelz braucht kein Mensch" Copyright/Bild: Philip Hegger - action press / PETA
Kai Schumann: „Pelz braucht kein Mensch“ Copyright/Bild: Philip Hegger – action press / PETA

Wie haben Sie sich 2014 für die Oben-ohne-Aufnahmen der PETA-Kampagne in Form gebracht? Mit klassischem Fitness oder anderem Sport?

Ich bin in kein Fitnessstudio gegangen, sondern habe das alleine draußen gemacht. Ich war Laufen und habe Liegestütze usw. gemacht, also Outdoorsport.

PETA vergibt jedes Jahr den „Vegan Fashion Award“ an die besten veganen Designs. Sie sind Pate für den Award. Wie ist hier die Qualität der Materialien? Halten diese lange? Biologisch abbaubar sind diese nicht, oder?

Das ist eine gute Frage! Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, ob die biologisch abbaubar sind. Da müsste ich mich noch mal erkundigen. Ich finde es erst mal sehr toll, dass es den Award gibt, weil es eine Aufmerksamkeit dafür erregt, dass Mode ohne tierische Produkte auch schick und tragbar sein kann. Viele Designer denken inzwischen verantwortungsbewusst und machen sich Gedanken über eine nachhaltige, ökologische, faire und im besten Falle vegane Produktion. Mittlerweile gibt es sehr viele tolle Klamotten, die funktional, tragbar, langlebig und schick sind. Ich kaufe eigentlich nur noch vegane Mode und von den Klamotten kann ich sagen, dass die alle toll sind.

Ich finde allerdings auch Schafwolle aus einer fairen Produktion eines Kleinbauern gut, der nicht so produziert wie diese riesigen Schafscherfabriken, wo die Tiere geschlagen und gefoltert werden. Ich bin selber auf einem Bauernhof aufgewachsen und wir hatten auch Schafe, die geschoren worden sind. Die sind nicht gefoltert und gequält worden und haben nicht geblutet. Denen hat es auch gut getan, dass sie die Wolle losgeworden sind, da sie unter der Last der Wolle fast zusammengebrochen sind. Die reiben die sich sonst selbst an den Bäumen ab.

Ja, das deutsche Tierschutzgesetz schreibt es auch vor, dass die Schafe im Frühjahr geschoren werden müssen.

Richtig, und von daher finde ich Klamotten aus Wolle von diesen Schafen ist keine Sünde des veganen Lebens. Allerdings sind Klamotten aus Massenproduktion in großen Tierfabriken in Neuseeland und Europa, wo PETA die Videos gedreht hat, die zeigen, wie die Schafe geschlagen und geschoren werden, das ist wiederum ein echtes Drama. Man muss halt immer gucken, aus welcher Produktion die Klamotten stammen. Das ist unsere größte politische Macht, die wir haben, unsere Kaufkraft. Indem wir die Leute unterstützen, die nachhaltig und verantwortungsvoll handeln und die anderen eben nicht mehr. Dadurch schaffen wir eine Lobby und bauen eine Bewegung auf.

In Bolivien musste beispielsweise McDonald’s zumachen, weil da einfach keiner mehr hingegangen ist.

Die mussten 2015 in den USA erstmals in ihrer Geschichte mehr Filialen schließen, als sie neu eröffnet haben. Kochen Sie gerne?

Ja sehr gerne.

Essen Sie viel Rohkost?

Nein, damit beschäftige ich mich ehrlich gesagt nicht so viel. Ich koche immer eher von der Hand in den Mund das, was im Kühlschrank ist oder ich gehe in den Supermarkt und schnappe mir das, was gerade regional saisonal da ist und was mich interessiert. Meistens koche ich Suppen und Eintöpfe oder eine schnelle Gemüsepfanne oder ein Curry. Das ist so das, was ich am liebsten koche. Für alles andere muss ich Kochbücher wälzen und dafür fehlt mir oft die Zeit. Manchmal stolpere ich in den Social Media über Leute, die ständig ihr Essen posten, was ich ganz lustig finde. Dann lande ich bei einem tollen veganen Gericht und probiere das mal aus.

Was kommt Ihnen nicht in die Pfanne?

Algen!

Also essen Sie auch kein Sushi?

Doch, das wiederum geht. Also wenn das nur da rum gewickelt ist, dann esse ich veganes Sushi sehr gerne. Aber Algensalat das ist nicht so meins. Ich mag auch Trauben nicht und Quinoa.

Wenn Sie unterwegs sind, machen Sie dann auch mal Ausnahmen?

Nein, also nicht jetzt, weil ich keine andere Möglichkeit habe. Brot, Obst und Gemüse kriegt man ja eigentlich immer. Ich mache dann Ausnahmen, wenn ich mir beispielsweise einen Salat bestelle und der Kellner bringt mir einen mit Joghurtsoße. Ich sterbe ja nicht davon, wenn ich den aufesse und er würde ja sonst weggeschmissen werden. Wenn Missverständnisse entstehen, dann mache ich schon mal eine Ausnahme.

Ich habe gelesen, dass Ihre neue Lebenspartnerin Marva Schreiber Ärztin ist. Was sagt sie zur veganen Ernährung? Sieht sie die Vorteile?

Ja, sie findet das gut und ernährt sich überwiegend mit mir vegan. Manchmal, wenn sie Bock drauf hat, macht sie es anders. Ihr großer Sohn lebt bei uns und im Alltag essen wir alle meistens vegan.

Wird Ihr Sohn auch fleischlos ernährt?

Mein Sohn nicht, der macht sein Ding, ich schreibe niemandem was vor. Der hatte mal eine Phase, wo er das total cool fand und wie das immer so ist, dann kommt wieder die Phase, wo er sich gegen alles wehrt. Das wechselt immer mal so (lacht).

Wenn Sie mit leidenschaftlichen Fleischessern drehen, gibt es dann schon mal Frotzeleien?

Klar, es gibt auch die Momente, wo ich sauer werde, weil es mir auf die Nerven geht und ich das Gefühl habe, dass ich mich ständig rechtfertigen muss, dass ich Veganer bin und nicht andersrum. Eigentlich müssten sich die Fleischesser dafür rechtfertigen, dass sie Fleisch essen. Aber irgendwie muss ich mich ständig dafür rechtfertigen, warum ich kein Fleisch essen möchte. Das ist ja das Lustige, dass sich durch meine Lebensweise ganz viele Menschen irgendwie angegriffen fühlen und mir permanent beweisen müssen, was denn an meiner Lebensweise alles falsch sei und dass ich ja das und das noch nicht machen würde, und deshalb dürfte ich ja das auch nicht tun. Diese Logik ist manchmal schon anstrengend.

Wir haben bei uns in der Produktion einen vegetarischen Tag eingeführt und da gibt es dann immer Kollegen und Leute, die sich da unglaublich drüber aufregen und sich total bevormundet fühlen. Das ist das, was mich wirklich ärgert und wo ich mich auch echt oft streite. Die Welt steht so am Abgrund und steht vor einem echten Wandel. Das ist besorgniserregend. Da geht es gar nicht um Tierrechte, sondern alleine um Umweltschutz. Die Welt als Lebensraum für uns ist wirklich bedroht. Wir könnten die Welt verändern, wenn wir nur einen vegetarischen Tag einführen würden. Was da eingespart werden könnte.

Dass sich die Leute davon so bevormundet fühlen. Die sagen mir dann: ‚Ja, sie essen auch vegetarisch aber sie wollen selber entscheiden wann.‘ Ich sage dann: ‚Aber euch ist es doch auch egal, ob man euch Schweine- oder Rindfleisch vorsetzt, davon fühlt ihr euch doch auch nicht bevormundet. Das esst ihr, Hauptsache, es ist Fleisch!‘ (lacht) Das finde ich dann immer sehr absurd und über diese Argumentation ärgere mich dann auch. Man könnte doch sagen: ‚Es geht hier wirklich um was Gutes und das Opfer ist so klein und so minimal, dass man es ruhig bringen könnte.‘ Das finde ich wirklich ärgerlich.

Wenn Sie im Film ein Würstchen essen, ist es dann ein veganes Ersatzprodukt? In Heldt sind Sie ja ständig am Essen.

Ja, zu 99,9 Prozent ist es vegan. Es gilt so die Regel zwischen denen, die das organisieren, und mir, dass sie alles versuchen, es vegan hinzukriegen, und wenn es etwas gibt, was partout nicht geht, weil es vom Aussehen einfach nicht so aussieht, dann würde ich im Notfall auch eine Ausnahme machen. Mittlerweile sind die aber so einfallsreich und gut geworden, dass es fast immer gelingt.

Was ich mich immer wieder frage: Ist der Whisky im Film eigentlich Apfelsaft?

Apfelsaft! (lacht) Man darf das jetzt nicht verallgemeinern. Ich glaube, es gibt auch einige Produktionen, wo das tatsächlich Whisky ist, so freakige Kunstproduktionen zum Beispiel. In einer normalen Produktion wie ‚Heldt‘, wo man am Vormittag besoffen sein muss und eine Stunde später eine Sportszene hat, ist das leider Gottes nicht möglich. Außerdem hat es versicherungstechnische Gründe.

In The Revenant musste Leonardo DiCaprio als Veganer rohes Fleisch essen und hat daraufhin gekotzt, was die Kamera gefilmt hat. Wie wäre das bei Ihnen? Würden Sie so eine Szene drehen?

Wenn das Drehbuch es verlangen und mir das einleuchten würde, warum die Szene für den Film wichtig ist, würde ich sie drehen.

Das ist ja auch ein krankes Zeichen, oder? Wie er das isst und wie er dann bricht, das zeigt ja auch was. Man kann ja nicht sagen, dass er dachte: ‚Oh geil, Fleisch essen.‘ Also, das hat man ja nicht gedacht. So gesehen hat das eine Wirkung.

Ich habe gelesen, dass Sie später im Alter mit Freunden auf dem Land als Indianer leben wollen. Sehen Sie sich eher als Winnetou oder Old Shatterhand? Können Sie reiten?

Reiten kann ich leider nicht. Ich musste immer arbeiten, wenn meine Kollegen von der Schauspielschule im Reitlager waren. Ich glaube, ich könnte das relativ schnell lernen. Ich fühle mich eher wie Old Surehand mittlerweile.

Und der Plan steht noch?

Jaja, ich habe mir gerade einen Wohnwagen gekauft und bau den jetzt aus.

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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