Barbara Hendricks: „Der Erhalt der ökologischen Vielfalt ist kein Nischenthema für Naturfreunde!“

Barbara Hendricks beim Kreisverbandstag in Porta Westfalica
Barbara Hendricks beim Kreisverbandstag in Porta Westfalica.

„Der Erhalt der ökologischen Vielfalt ist kein Nischenthema für Naturfreunde!“ machte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks am Freitagabend in Porta Westfalica vor 300 Landwirten in ihrem Vortrag „Wie kommt die Landwirtschaft aus der Krise?“ klar. Ich habe mich beim Kreisverbandstag des Landwitschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke quasi undercover unter die Landwirte an den Pressetisch gesetzt und mir das Schauspiel angeguckt.

Nach dem Start der Kampagne mit den Bauernregeln Anfang Februar, über die ich hier bereits berichtete, war Deutschland in Aufruhr – viele freuten sich über die frechen, kreativen und ehrlichen Sprüche, andere, wie beispielsweise die Landwirte, fühlten sich persönlich angegriffen. Leider hat die Agrarlobby es wieder einmal geschafft, ihre Interessen durchzusetzen und dafür gesorgt, dass die geplante bundesweite Plakatierung gestoppt worden ist.

Das Bundesumweltministerium hat nun die Aktion „Dialog Landwirtschaft“ gestartet und sammelt auf der Plattform bis zum 6. März Vorschläge für eine bessere Landwirtschaft. Hendricks reist zusätzlich bundesweit zu Veranstaltungen und diskutiert mit Landwirten über die Landwirtschaft der Zukunft.

Eisige Begrüßung

Rainer Meyer vom Kreisverband Minden-Lübbecke ahnte offenbar schon, dass die Gemüter bei den Landwirten noch erhitzt sind, und ermahnte, wohlgemerkt als die Ministerin noch nicht anwesend war, die Landwirte: „Frau Hendricks ist unser Gast und Gäste behandelt man zuvorkommend! Keine Kommentare unterhalb der Gürtellinie!“ Gegen die Kampagne sammelten die Landwirte 6000 Unterschriften, die sie an Hendricks an diesem Abend übergeben haben. Meyer: „Auf ihren Tischen haben sie Karten zu liegen mit der Aufschrift ‚So nicht‘, die können sie während der Übergabe hochhalten und ihren Unmut stimmlich in Maßen äußern!“

Landwirte beim KreisverbandstagAls Hendricks den Saal betrat, begrüßte Johannes Röring, Mitglied des Bundesrates und Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, sie mit den Worten: „Willkommen Frau Ministerin, das herzlich müssen sie sich gleich noch verdienen.“ Weiterhin sagte er, dass die Landwirte die Entschuldigung für die Kampagne annehmen würden. Er wies auch daraufhin, dass Bauernfamilien in Westfalen-Lippe Ende des letzten Jahres eine Initiative gegründet hätten, um die Biodiversität zu erhöhen. Gemeinsam mit örtlichen Naturschutzverbänden, Imkern und Jägern wollten sie dies angehen. Auch die Streuobstwiesen an den Höfen sollen erhalten bleiben. Er warf Hendricks vor, dass sie darauf hinweise, dass 28 Prozent der Messstellen eine zu hohe Nitratbelastung zeigten: „Man könnte auch sagen, dass 72 Prozent keine zu hohen Werte aufweisen.“

Hendricks ging dazu in ihrem Vortrag ein und wies auf die neuen Düngeregeln hin: „Nach jahrelangen Verhandlungen haben wir uns darauf verständigt, die Düngeregeln zu verschärfen. Es ist daher ein wichtiger umweltpolitischer Schritt und es könnte helfen, die Klagen der EU-Kommission wegen des Verstoßes gegen die Nitratrichtlinie doch noch zu einem guten Ende zu führen.“

Allerdings machte sie deutlich, dass beispielsweise in Niedersachsen an 50 Prozent der Messstellen eine Überschreitung vorliege und in NRW an 40, was bundesweit im Durchschnitt 28 Prozent ausmache. Wenn dies ’nur‘ bei „28 Prozent das anders ist, bedeutet das aber auch, dass es dort eben zu einer gesundheitsgefährdenden Belastung im Trinkwasser kommen kann, welches aufbereitet werden muss. Das Grundwasser wird ja auf Dauer geschädigt, das ist ja nicht so einfach, das wieder aus dem Grundwasser herauszuholen.“

Familienbetriebe sind das Opfer eines Wettbewerbs

Hendricks machte in ihrem Vortrag klar, dass für sie die Diskussion um die Kampagne der Bauernregeln abgeschlossen sei: „Ich habe mich auf die Diskussion heute Abend mit ihnen gefreut. Mir ist schon klar, dass es nicht ganz einfach wird, ich bin ja auch nicht blöd, aber wir sollten jetzt versuchen, in die Zukunft zu schauen.“ Humorvoll erläuterte sie, dass sie im Kreis Kleve aufgewachsen sei und von Landwirtschaft Ahnung habe: „Sie können mir schon glauben, dass ich weiß, dass ein Schwein nicht auf einem Bein stehen kann.“

Hendricks betont, dass viele Bauernfamilien heute darum kämpfen müssen, ihre Höfe erhalten und sie an ihre Kinder weitergeben zu können: „Wie viele bäuerliche Existenzen hat nicht zuletzt die Milchkrise gekostet. Familienbetriebe sind das Opfer eines Wettbewerbs, in dem das Angebot größer ist als die Nachfrage und in dem gegen jede marktwirtschaftliche Logik die Produktion trotzdem immer weiter steigt. Diejenigen, die weiter machen, sind einem ständigen wirtschaftlichen Optimierungsdruck ausgesetzt und das seit Jahrzehnten herrschende Motto ‚Wachse oder weiche‘ hat eine zutiefst brutale Logik, wenn wir die Schicksale betrachten, die dahinter liegen.“

Im Interesse der Landwirte, des Umweltschutzes, Tierschutzes und der Bevölkerung, sei eine Reform nötig: „Das Geld wird in unserem jetzigen System an ganz anderen Stellen gemacht auf Kosten vieler kleiner Bauernfamilien, der Nachhaltigkeit und zum Teil auf Kosten des Tierwohls. Es ist die aktuelle Landwirtschaftspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Agrarkonzerne und Lebensmittelindustrie orientiert. Es ist das Unvermögen dieser Agrarpolitik, dass sich Menschen im ländlichen Raum trotz Subventionen immer geringere Perspektiven bieten. Dieses System möchte ich zum Besseren ändern. Es ist leider nicht ganz einfach, wenn man um jeden Millimeter an Verbesserung kämpfen muss, zum Beispiel mit dem Herrn Landwirtschaftsminister und dem Deutschen Bauernverband.“

Belastungsgrenzen der Natur sind erreicht

Die Krise der Landwirtschaft habe viele Symptome, so zum Beispiel die intensiv genutzten Böden: „Jahrhundertealte Weisheiten wie nachhaltige Fruchtfolgen werden vielfach einfach nicht mehr befolgt. Äcker werden überdüngt,“ weist Hendricks auf ein uraltes Problem hin. Dies quittieren die Landwirte mit Pfiffen und Zwischenrufen wie „So ein Schwachsinn“, „Pfui, stimmt nicht“, „Quatsch“. Hendricks lässt sich davon nicht beeindrucken und erklärt weiter: „Ihr natürliches Gleichgewicht wird zerstört, oft werden sie mit Gülle überschüttet, ich weiß, dass das nicht jeder von ihnen tut. Machen wir uns doch nichts vor: Hier sitzen jetzt 300 Bauern, die arbeiten alle gut und ordentlich. Und jeder von ihnen kennt welche, die es nicht tun.“ Dafür kamen noch mehr Pfiffe aus dem Publikum.

„Irgendwo muss die Gülle ja auch hin, weil wir immer neue Rekorde in der Fleischproduktion haben. Damit verbunden ist der Import von Kraftfutter. Das importierte Futter, welches einen großen Teil der Produktion ausmacht, kommt zum größten Teil aus Argentinien und anderen Ländern. Die Kühe pupsen aber hier und kacken tun die auch hier und nicht in Argentinien. Und deswegen hat das Folgen,“ macht sie humorvoll klar.

Bienen als Bestäuber sterben aus

Sie spricht auch das Thema Nitrat im Trinkwasser noch einmal an: „Die Wasserbetriebe, die daraus Trinkwasser machen, müssen es aufwendig reinigen, bevor es getrunken werden kann. Das geht in die Wasserpreise ein.“

Eine große Gefahr für die Artenvielfalt ist der häufige Einsatz von Pflanzenschutzmittel und monotone Agrarlandschaften: „Das ist ein immenser Schaden, weil wir die Vielfalt unserer Natur ja unwiederbringlich verlieren. Weil Arten in Gefahr sind, die wichtige Aufgaben für das Ökosystem übernehmen. Denken wir an die Bienen. Von den 100 wichtigsten Pflanzenarten, die uns ernähren, werden 71 von Bienen bestäubt, darunter fast alle Obstsorten. Forscher gehen davon aus, dass es einen Wert von 2,5 Milliarden Euro ausmacht, was die Bienen in Deutschland im Jahr leisten. Das Problem ist, dass die Zahl der Bienen in Deutschland dramatisch abnimmt.“

Ein Mechanismus, der seit Jahrtausenden funktioniere, gerate so aus dem Lot: „Das macht die Biene zu einem passenden Symbol, ja zu einem Symbol für eine besorgniserregende Entwicklung. Die Landwirtschaft ist in Gefahr, sich ihrer eigenen Grundlagen zu berauben. Der Erhalt unserer ökologischen Vielfalt ist eben kein Nischenthema für Naturfreunde. Es ist unsere grundlegende Pflicht, den Schatz unserer Natur, wir können auch sagen der Schöpfung, für die kommenden Generationen zu bewahren.“

Menschen gehen auf Distanz zur Landwirtschaft

Hendricks wies daraufhin, dass viele Menschen sich immer mehr Gedanken machen würden über das, was auf ihrem Teller lande: „Es ist aber nicht nur die Sorge um die Umwelt, die immer mehr Menschen auf Distanz zur Agrarwirtschaft gehen lässt. Manche zweifeln daran, dass das was auf unseren Tellern landet, gesundheitlich unbedenklich ist. Das gilt zum Beispiel für den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel, für die Gentechnik und für den Einsatz von Medikamenten in der Tierzucht wie Antibiotika. Natürlich sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass es gefährlich ist, wenn in der Tierzucht Medikamente zur Regel werden, die eigentlich für Schwerkranke entwickelt wurden.“

Sie sei aber trotzdem keine Pessimistin, denn Landwirtschaft in Deutschland habe eine Zukunft, wenn sie nachhaltiger wäre. Hier gäbe es viele Möglichkeiten: „Ich möchte, dass sich auch diejenigen gesunde nachhaltige Lebensmittel kaufen können, die sich den Bioladen nicht leisten können. Wir brauchen eine Diskussion über eine Landwirtschaft, die sozial und umweltgerecht ist. Die für eine faire Entlohnung der Landwirte sorgt, das Wohl der Tiere und die Belastungsgrenzen der Natur respektiert und in der auch der Handel seine Verantwortung für eine funktionierende Wertschöpfungskette übernimmt. Eine Landwirtschaft, die nicht gezwungen ist, Lebensmittel zu Dumpingpreisen zu produzieren und die für eine ökologische und gesellschaftliche Bedeutung den Respekt erfährt, den sie verdient. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.“

Obwohl in keinem anderen europäischen Land die Menschen anteilig so wenig Geld für Nahrungsmittel ausgeben würden wie in Deutschland, habe es hier in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung gegeben: „Viele Menschen ernähren sich inzwischen bewusster und sind bereit, für einen höheren Standard mehr zu bezahlen. Das müssen wir nutzen.“

In der anschließenden Diskussion erläuterte Hendricks, dass die Kiebitze, Bienen und viele andere Arten aussterben: „Wir verlieren Artenvielfalt durch die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben. Ich werfe ihnen ja gar nicht vor, dass sie sich nicht an die Regeln halten. Offensichtlich sind die Regeln nicht ausreichend, um unsere Schöpfung zu bewahren. Und das ist eine Aussage, mit der muss man sich dann mal auseinandersetzen.“

Gäste bewirtet das Ministerium vegetarisch

Um als gutes Beispiel voranzugehen, verkündete das Bundesumweltministerium am Samstag danach, dass Gäste ab sofort nur noch vegetarisch verköstigt werden. Das löste weiteren Unmut in Deutschland aus und einige fühlten sich mal wieder persönlich angegriffen und hatten offenbar Angst um ihr tägliches Schnitzel. Im Folgenden habe ich einige Beiträge aus Facebook und Twitter verlinkt. 😉

 


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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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