Rezension: Tiere denken von Richard David Precht

Tiere denken von Richard David PrechtRichard David Precht beginnt die Einleitung zu seinem Buch Tiere denken – vom Recht der Tiere und den Grenzen der Menschen mit den Worten: „Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden.“ Eigentlich ist damit schon alles gesagt – aber der prominente Philosoph versucht Antworten auf Fragen zu finden, die sich viele leider zu selten stellen: Wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Tier? Woher nehmen wir das Recht, Tiere zu benutzen und ihnen Leid zuzufügen? Und was können wir tun angesichts der hemmungslosen Ausbeutung von Tieren und Umwelt?

Precht ist derzeit in vielen Talkshows und Zeitungen und Zeitschriften führen Interviews mit ihm. Dort macht er immer wieder auf den brutalen und gedankenlosen Umgang mit Tieren, das millionenfache Leid und die Folgen des Fleischkonsums auf die Umwelt aufmerksam. Doch ist es nicht eine Art Doppelmoral, einerseits auf die Folgen des Fleischkonsums aufmerksam zu machen und selber noch Fleisch zu essen? Precht argumentiert in einem Interview sehr klug, wie ich finde, denn er betont, dass er so mehr Menschen erreiche, als wenn er Veganer wäre. Er sagt, wenn die Leute merken würden, dass er selber auch umgedacht und seinen Konsum reduziert habe, würde er sie dort abholen wo sie gerade stehen. Wäre er Veganer würden sich die Leute sagen, naja die Veganer wieder, die waren mir schon immer suspekt! * 

Mensch und Tier in Geschichte und Religion

In den ersten beiden Teilen geht Precht von Aristoteles über René Descartes, Charles Darwin, Albert Schweizer und vielen anderen Naturforschern und Philosophen auf die Beziehung und den Unterschied zwischen Tier und Mensch ein. Er beschreibt beispielsweise, dass das Liebesspiel bei den Bonobos, eine Zwergschimpansenart in Afrika, mit dem des Menschen vergleichbar ist. Die Missionarsstellung könnte also nicht von den Missionaren kommen (Vergleiche mit Witzen über missionierende Veganer verkneife ich mir an dieser Stelle :D) denn die Bonobos kopulieren in der gleichen Stellung.

Wie der Stand des Tieres in den verschiedenen Religionen ist, beschreibt er im zweiten Kapitel. Im Alten Ägypten fanden die Tiere vor der Waage der Maat, der Göttin der Gerechtigkeit, Gehör und sagten als Zeugen über den Wandel der Menschen aus. Tote mussten sich davon freisprechen, Tieren Leid zugefügt zu haben.

Im 6. Jahrhundert vor Christus entstand der Buddhismus und dessen oberstes Gebot ist es, Leben zu achten und zu bewahren. Sie lehnen das Opfern von Tieren ab und sehen im Töten von Tieren einen Mord an unschuldigen Seelen. Viele Historiker glauben, dass der Aufstieg des Buddhismus eng verknüpf sei mit einer Agrarkrise. Damals war das Rind das Statussymbol der Brahmanenkultur und das edelste Opfertier. Im 1. vorchristlichen Jahrtausend brauchen die Bauern das Land, um für die rasant steigende Bevölkerung Getreide und Gemüse anzubauen. Die Rinderhaltung wird zum Problem. Die herrschenden Brahmanen definieren sich über ihre Rinder und wollen auf sie nicht verzichten. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

Eine neue Tierethik

Hier nennt er zum Beispiel den Philosophen Peter Singer, der den Weltbestseller „Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere“ geschrieben hat. 1975 löst es heftige Debatten aus und die Fassade der Fleischwirtschaft beginnt, das erste Mal zu bröckeln. Bernhard Grzymek erfindet den Begriff „KZ-Huhn“ und der Begriff Speziesismus wird geprägt.

Er analysiert den bisherigen Kampf der Tierrechtler und -schützer und was verschiedene Philosophen dazu schrieben. Robert Spaemann sei der Ansicht, man dürfe Tiere essen, wenn man schonend mit ihnen umgehe. 2012 konfrontierte Precht ihn im Fernsehen mit einem Gedankenexperiment dazu. Könne man zum Beispiel einem Reh ein Bein amputieren und es verkaufen? Das Reh würde eingeschränkt weiterleben, nun eben mit einer Prothese: „Würde Spaemann eine solche Keule haben und essen wollen? Mein Gast verzog leicht die Mundwinkel, dachte nach und meinte: ‚Nein, wahrscheinlich nicht!’“

Leiden, das man sehe, schreibt er weiter, lehne man ab. Aber Leiden im abgeschotteten Schlachthof werde meist erfolgreich ausgeblendet. So analysiert er weiter und schreibt ganz richtig: „Es wäre schon viel damit gewonnen, wenn Menschen im Hinblick auf Tiere nur das täten und akzeptierten, was ihren Intuitionen nicht widerspricht. Wir würden keine Massentierhaltung dulden und nur jene Tiere essen, die man auch selbst töten würde und könnte. Eine solche Ethik ohne allzu große Verdrängung würde unsere Gesellschaft bereits völlig verändern.“

Was tun?

Wenn man es überspitzt sagen würde, könne man sagen, dass er sich in den anderen Teilen noch zurückgehalten hat. In diesem zieht er nun so richtig vom Leder und ich stelle mir vor, wie er am Schreibtisch saß und voller Wut in seine Tasten gehauen hat. Denn nun lässt er wirklich an niemandem mehr ein gutes Haar. Alle bekommen nun ihre Schandtaten auf dem Silbertablett serviert – vom Jäger über den Forscher, der mit Tierversuchen arbeitet, dem deutschen Tierschutzgesetz bis hin zum Zoo und dem Verbraucher, der trotz allem noch Fleisch konsumiert.

Besonders die Jäger nimmt er ins Visier und behauptet: „Menschen, die regelmäßig töten müssen, um sich wohlzufühlen, brauchen professionelle Hilfe.“ Auch die Behauptung, dass es für die Ökologie wichtig wäre, das Wild zu dezimieren, sei falsch. Denn die Überpopulationen hätten die Jäger künstlich herbei geführt durch Winterfütterung. Es sei besser, diesen Job vom Förster erledigen zu lassen und den Tieren Antibabypillen ins Futter zu mischen. Man könne das Jagen mit scharfer Munition verbieten und stattdessen wie beim Paintball mit Farbpatronen schießen. Was ich aber trotzdem für Tierquälerei halte!

Precht weist auf das millionenfache Leid der Tiere in der Massentierhaltung hin und prognostiziert aber bereits dessen Ende in 15 bis 20 Jahren. Denn dann werden sich Fleischesser nur noch von künstlich gezüchtetem Fleisch ernähren, in das gerade Googlemitgründer Sergey Brin kräftig investiere. Erst werde es noch letzte standhafte Männer in Deutschland geben, die auf echte Tiere auf dem Grill bestehen: „Real-Beef-Fans geraten ins gesellschaftliche Abseits. Für Frauen sind sie so unsexy wie Militaria-Sammler und Schmerbäuche im NATO-Nahkampf-Look.“

Im letzten Kapitel macht er eine Zusammenfassung und betont, dass wie bei dem Kampf um die Frauenrechte oder der Sklavenbefreiung noch sehr viel zu tun, wir aber schon auf einem guten aber dennoch steinigen Weg seien.

Ich habe das Buch gerne gelesen, besonders der letzte Teil hat mich sehr interessiert. Von mir bekommt das Buch daher eine klare Leseempfehlung!

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Mehr Informationen

Autor: Richard David Precht
Titel: Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen (Werbung)
Erschienen: 17. Oktober 2016
Verlag: Goldmann Verlag
Form: 512 Seiten
ISBN: 978-3442314416
Preis: 22,99 €

*(Interview Veggie Journal 01/2017)

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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6 Kommentare

  1. Liebe Katrin, ich bin seit 12 Jahren Veganerin, ich hab so gut wie alles erlebt, gelesen und gehört bzgl. Veganismus.

    Ich stehe hundertprozentig hinter deiner Ansicht, bin auch unheimlich froh über das Buch.

    Danke, Liane.

  2. Wir finden diese Argumentation weder richtig noch schlüssig: Man macht wissentlich etwas Falsches, um etwas Richtiges zu bewirken? Man möchte andere überzeugen, indem man selber unglaubwürdig agiert?
    Das ist so, als würde ich sagen „Kinder zu schlagen ist absolut schlecht. schlage daher mein Kind nur noch 1 x die Woche.“ 🙁

    „Doch ist es nicht eine Art Doppelmoral, einerseits auf die Folgen des Fleischkonsums aufmerksam zu machen und selber noch Fleisch zu essen? Precht argumentiert in einem Interview sehr klug, wie ich finde, denn er betont, dass er so mehr Menschen erreiche, als wenn er Veganer wäre.“

    • Hallo Veggii,

      ich bin da anderer Meinung, da die Menschen leider so ticken. Wenn er Veganer wäre, dann wäre das Buch nur von Veganern gekauft worden und vom Rest der Welt nicht. Ich bin da realistisch.

      Abgesehen davon, sollten sich die Veganer meiner Meinung nach etwas zurücknehmen, da Precht das Buch nicht geschrieben hat, um den Veganern dieser Welt zu gefallen, sondern um Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen. Nach dem alten Sprichwort: Was kümmert es die deutsche Eiche wenn die Sau sich daran schubbert.

      • Liebe Frau Luber,

        Pauschalisierungen wie „da die Menschen leider so ticken“ entsprechen selten der Realität – ich habe hierzu z.B. ganz andere Eindrücke als Sie gesammelt. So beobachte ich eher, das Überzeugung aus einem selber heraus entstehen, wichtig dabei ist jedoch, dass die Denkanstöße glaubwürdig transportiert wurden. Das Buch lädt Menschen dazu ein, Ihren Umgang mit Tieren neu zu überdenken, Herrn Prechts Verhalten schwächt jedoch die Aussagen ab. Precht hat ein breites Publikum und eine recht große Fangemeinschaft – eine Aussage wie „über die Recherchen meines Buches, bin ich vegan geworden“, hätte definitiv mehr bewirkt (die Aussage mehr Menschen erreichen zu wollen, lässt diesen Anspruch vermuten). Wenn jemand einen so tiefgehenden Beitrag zum Thema Ethik beisteuert und Konträr zu den eigenen Aussagen handelt, ist neben dem positiven Urteil über das Buch auch Kritik am Verhalten des Autors berechtigt!

        VG Sebastian

      • Hallo Sebastian,

        natürlich darf man da Kritik äußern, es fragt sich nur, ob man damit viel erreicht. Denn die breite Masse wird sich nicht darum scheren ob Veganer an dem Buch rumkritisieren. Leider ist das so.

        Ich bin froh, dass er das Buch überhaupt geschrieben hat!

        Liebe Grüße,

        Katrin Luber

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