Dagmar Bruns: Vegetarisch schwanger in Schleswig-Holstein vor 26 Jahren!

Dagmar Bruns
Dagmar Bruns

Wie war es vor 26 Jahren, also 1990, aufm platten Land mitten in Schleswig-Holstein vegetarisch schwanger zu sein? Über Facebook lernte ich vor etwa einem Jahr Dagmar Bruns kennen, da sie Veggie Wolle gegründet hat. Das bedeutet, dass sie die Wolle von Schafen aufkauft, die bei ihren Besitzern als Haustiere gehalten und nicht getötet werden. Das deutsche Tierschutzgesetz sieht es vor, dass Schafe im Frühjahr geschoren werden müssen. Ich werde darüber noch einen Blogbeitrag schreiben.

Dagmar ist seit ihrem 15ten Lebensjahr Vegetarierin und hat zwei erwachsene Töchter, die jetzt 23 und 25 Jahre alt sind. Als sie schwanger wurde, war es selbstverständlich, dass sie sich weiterhin vegetarisch ernähren würde: „Es wäre nicht kompatibel gewesen mit meinen Werten und dem Fortschritt, der der Vegetarismus für mich bedeutet hat.“ Leider war sie in beiden Schwangerschaften sehr krank, der Grund war die Leber: „Die Ärzte waren damals etwas überfordert, jedenfalls in der ersten Schwangerschaft, bei der zweiten war es besser. Ich konnte fast nichts mehr essen und habe trotzdem zwei gesunde, vollkommen wohlgenährte Kinder zur Welt gebracht,“ erzählt sie. Beide kamen etwas zu früh, das Eine ist von selbst 4 Wochen zu früh gekommen und das Zweite wurde geholt, eben weil es ihr nicht gut ging.

Wegen der Kinder beschäftigte sie sich mit der Ernährung: „Am Ende der Schwangerschaft habe ich außer Knäckebrot, Nudeln und Vitamintabletten nichts mehr essen können, weil es einfach nicht ging, ich konnte es nicht verdauen. Ich hatte nach der Geburt sehr viel Mutter-Milch, konnte meine Babys also sehr gut ernähren. In Krisenzeiten und im Krieg, wo es nichts gab, wurden auch Kinder gesund geboren,“ erklärt sie. „Man will natürlich alles optimal machen und vorbereiten, aber ich glaube, man kann sich da auch leicht in eine Hysterie reindenken. Der Körper der Mutter hat viele Reserven.“

Literatur über Babykost war Mangelware

Wegen der Frühgeburten war der Saugreflex noch nicht vorhanden und sie musste die Milch abpumpen und sie den Kindern als Flasche geben: „Nach 2 Monaten hatte ich die Nase voll von der Pumperei und war auf der Suche nach einer Lösung. Literatur gab es 1991 quasi nicht, also auch nicht für ’normale‘ Babyernährung. Das war die Zeit der fertigen Babykost im Gläschen oder der angerührten Instant-Breie. Ich war in meinem Umfeld die totale Exotin, da ich mein Baby selbst bekocht habe. Ich wollte meinen Kindern nicht diese Fertignahrung geben.“

Dagmar dachte sich: „Was mache ich mit diesen reinen Wesen? Der Biogedanke keimte in mir auf. Das einzige was ich gefunden habe, war ein mega-öko-wollsockenmäßiges Kochbuch ‚Wie bereite ich Kindernahrung zu‘. Das habe ich leider nicht mehr, was ich sehr bedauere. Zu dieser Zeit kaufte ich mir meinen ersten Pürierstab, den ich heute noch habe. Als die Kinder 6 Monate alt waren, besorgte ich mir Tabellen über die Nährstoffe von Nahrungsmitteln und legte intuitiv los. Mein Kind wird mir das schon zeigen, ob es richtig ist und es das Essen verträgt.“

Wie reagierten die Ärzte?

Bei einer der Vorsorgeuntersuchungen fragte sie der Kinderarzt: „Kriegt sie denn jetzt schon was vom Löffel? Was bekommt sie so? Gutgläubig und naiv wie ich so war, habe ich aufgezählt, was ich ihr füttere. Dann fragte der Kinderarzt: ‚Ja und kein Fleisch?‘ ‚Nö, kein Fleisch.‘ Dann gab es eine sehr harte Diskussion, bei der mir klar wurde, wie schnell man sich als Mutter auf dünnem Eis bewegt. Er nahm die Worte kriminell usw. in den Mund und sagte, solche Experimente könne ich mit mir selber machen, aber nicht mit einem Kind. Meine Kinder waren beide so Wonneproppen mit dicken roten Backen. Das Gespräch konnte ich damit beenden, indem ich sagte: ‚Sehen die irgendwie so aus, als würde ihnen etwas fehlen?’“

Mit ihrer zweiten Tochter ging sie zu einem homöopathisch arbeitenden Kinderarzt, für den die Ernährung so in Ordnung war, wie sie es machte: „Das ist doch total irre! Keine Kuh, kein Pferd bekommt zu hören, wie sie ihr Kind ernähren und erziehen soll. Da ist noch kein Tier von seiner Mutter fehlernährt worden. Nur die Menschen müssen das auf ihrem Papier stehen haben und dann hat man sich dran zu halten.“

Der Alltag in Kindergarten und Schule

In Ostfriesland ist die Küche sehr bodenständig und vegane Produkte sind relativ unbekannt. In Schleswig-Holstein, wo sie einige Jahre gelebt hat, gab es in den letzten 15 Jahren immer mehr Bioläden mit veganem Sortiment: „Hier ist ostfriesisches Entwicklungsland, die Leute kennen auch nichts Veganes. Als die Kinder etwas größer wurden, lebten wir in Schleswig-Holstein und es war mit den Freunden schwieriger, weil die das nicht kapierten.“

dagmar-bruns-hausIm Kindergarten erklärten sie, dass sie Vegetarier sind: „Von der Seite meiner Familie aus war das kein Problem, da ich ja schon Vegetarierin war. Mein damaliger Mann, der Vater der Kinder, hat mich ja als Vegetarierin genommen und er wusste, dass es zu Hause kein Fleisch gab. Von seiner Familie aus wurde das, als die Kinder 4 und 5 wurden, schwierig. Sie versuchten die Kinder immer zu beeinflussen und haben ihnen Frikadellen vor die Nase gehalten und gesagt: ‚Hier probiere doch mal, du kannst ja gar nicht sagen, dass du es nicht essen willst, wenn du es nie probiert hast.‘ Ich habe meinen Kindern anschließend erklärt, warum wir das nicht essen. Mir war klar, da musste ich jetzt ganz vorsichtig mit umgehen, denn in dem Moment wo ich es verbiete, bekommt es einen Reiz.

Warte mal kurz: ‚Vegan hin oder her, du sollst nicht so viele Pflaumen essen!‘ Mein Hund frisst eine Pflaume nach der anderen! Das ist wirklich der Nachteil, wenn du vegan ernährte Hunde hast! Die fressen dir alles vom Acker. Die hat schon meine Himbeeren und Erdbeeren gepflückt!“

Dagmar hatte immer einen Hof mit Katzen, Hunden und Pferden. Ringsherum standen Schafe und Kühe auf der Weide. Da konnte sie den Kindern leicht erklären, dass das Freunde sind und wenn man eine Scheibe Wurst isst, dass das der tote Körper vom Schwein ist: „Jedem Kind leuchtet das ja sofort ein, dass man das nicht essen kann. Meine Schwiegermutter hat die kleine Tochter sehr bearbeitet, so dass sie auch mal in ein Würstchen gebissen hat, dreimal drauf rumgekaut und es dann wieder ausgespuckt hat. Das Fleisch war ihr so fremd im Mund und sie empfand es als falsch. Ich hatte natürlich Schweißausbrüche in dem Moment, aber ich wusste, ich darf jetzt nichts sagen, sonst habe ich verloren. Nach diesem Erlebnis war das Thema erledigt.“

In der Schule litten die Kinder sehr darunter, da sie im wahrsten Sinne immer die Extrawurst brauchten und denselben Kram wie zu Hause essen mussten. Das hat genervt, denn obwohl die vegetarisch-vegane Küche abwechslungsreich ist, wollten die Kinder einfach mal was Neues ausprobieren. Später nahmen sie einfach vegane Würstchen mit. Freunde stellten sich darauf ein.

„Beide Kinder haben sich ganz normal entwickelt, waren selten krank. Tiere sind für sie nicht in der Schublade Nahrungsmittel abgespeichert, es ist für sie vollkommen absurd, sie zu essen. Die Jüngere ist noch Vegetarierin und die Ältere ist mit mir zusammen vor 5 Jahren Veganerin geworden. Wir hatten ein Haus mitten im Ort gemietet und hörten Tag und Nacht die Kälber nach ihren Müttern schreien. Wir wussten, das können wir nicht mehr mitmachen. Sie wird ihr Kind natürlich später mal vegan ernähren.“


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Serie vegane Kinder

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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