VegMed 2016: Prof. Dr. Mark Messina über die Wirkung von Soja auf Brustkrebs

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Auf der VegMed 2016 an der Freien Universität Berlin Ende April hielt Prof. Dr. Mark Messina einen sehr interessanten Vortrag über die Auswirkung von Soja auf Brustkrebs. Dieses Thema interessierte mich persönlich sehr, da zwei meiner besten Freundinnen 2012 zeitgleich an Brustkrebs erkrankten. Inzwischen sind beide wieder gesund. Eine von beiden ist durch meinen Einfluss Vegetarierin geworden. Sie hat jedoch immer große Bedenken, wenn sie Soja konsumiert, dass es zu einer Rückkehr der Krankheit kommen kann. Soja wird ja eine hormonelle Wirkung nachgesagt. Sind diese Bedenken gerechtfertigt? Lest die Antwort im Beitrag.

„In den letzten 30 Jahren gab es viele Diskussionen über die Beziehung von Soja und Brustkrebs. Warum interessieren sich so viele Menschen für Soja? Ganz einfach: Soja ist eine ganz einzigartige Quelle für die sekundären Pflanzenstoffe Isoflavone. In Japan nehmen die Menschen durchschnittlich etwa 50 Milligramm Isoflavone am Tag auf. Wenn sie 125 Milliliter Sojamilch trinken, haben sie etwa 25 Milligramm Isoflavone aufgenommen,“ so Messina. Isoflavone hätten eine sehr ähnliche chemische Formel wie Östrogene. Sie seien keine Steroide aber haben sehr ähnliche Östrogenrezeptoren, die sie binden. Isoflavone hätten ähnliche Wirkungen wie Östrogene und deshalb werden sie als sekundäre Pflanzenstoffe eingestuft.

VegMed Marc Messina. Quelle: VEBU
VegMed Marc Messina. Quelle: VEBU

Dr. Mark Messina ist außerordentlicher Professor an der Loma Linda University in Kalifornien, Geschäftsführer des Soy Nutrition Institute und Miteigentümer von Nutrition Matters, Inc., einem Beratungsunternehmen für Ernährungsfragen. Als Studienleiter am National Cancer Institute (NCI) initiierte er eine Studie zur Wirkung von Soja bei Krebserkrankungen. Seit dem Verlassen des NCI hat sich Dr. Messina gänzlich der Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen von Sojalebensmitteln und Sojaisoflavonen gewidmet.

Isoflavone und Östrogene sind unterschiedlich

„Es ist aber wichtig, anzuerkennen, dass Isoflavone ganz anders sind als das Hormon Östrogen und tatsächlich wäre es richtiger sie als selektive Östrogenrezeptormodulatoren einzuordnen denn als Östrogene,“ erklärt er. Man unterscheide Östrogenrezeptoren des Alpha- Typs (ÖRα) von solchen des Beta-Typs (ÖRβ). Die ÖRα-Rezeptoren fänden sich in der Brust, Gebärmutter, Hypophyse und Hypothalamus. Die ÖRβ-Rezeptoren seien dagegen in den Knochen, Gefäßen, im Hippokampus und in den höheren Zentren des Zentralnervensystems zu finden. Das Medikament Raloxifen hemme beispielsweise die ÖRα-Rezeptoren und stimuliere gleichzeitig die ÖRβ-Rezeptoren, sodass das Brustkrebswachstum gehemmt werde, ohne dabei die schützende Östrogenwirkung auf die Knochen aufzuheben. Deshalb spreche man von selektiven Östrogenrezeptormodulatoren. Pharmazeutische Beispiele für Östrogenrezeptormodulatoren seien die Arzneistoffe Tamoxifen und Raloxifen.

„Isoflavone, die häufigsten Vertreter der Pflanzenöstrogene, wirken selektiv auf den β-Rezeptor. Das Hormon Östrogen hat hier keine Präferenz, was die Rezeptoren angeht. Das ist der Unterschied zu den Isoflavonen. Denn diese Rezeptoren sind in verschiedenen Geweben unterschiedlich verteilt, und wenn sie aktiviert werden, haben sie unterschiedliche physiologische Wirkungen, manchmal entgegengesetzte. Das scheint in der Brust der Fall zu sein. Wenn sie ein Molekül haben, welches sich an den Östrogenrezeptor anbindet, kann das eine positive Wirkung haben. In der Forschung sieht es so aus, dass die Ausrichtung auf den Östrogenrezeptor-β eine gute Auswirkung auf die Behandlung von Brustkrebs haben kann.

Jetzt haben sie ein Verständnis von Isoflavonen auf der molekularen Ebene, was allerdings nicht unbedingt aussagefähig für die klinischen Wirkungen ist. Sehr viele klinische Beispiele zeigen, dass sich Isoflavone von dem Hormon Östrogen stark unterscheiden. Östrogene und Isoflavone helfen beide bei Hitzewallungen, verbessern die Elastizität der Blutgefäße und die Haut.“

Vermindert Soja das Brustkrebsrisiko?

„Wir wissen natürlich alle, dass das Vorkommen von Brustkrebs in Ländern, die häufig Soja essen, selten ist. Wir wissen aber auch, dass sich dort die Brustkrebsraten stark erhöht haben. Die Ergebnisse von Forschungen aus Japan von 40 Jahren zeigen, dass sich die Krebsraten etwa verdreifacht haben. Der Grund ist die Übernahme von westlichen Ernährungsweisen,“ sagt Messina. „Haben Frauen, die Soja essen, ein niedrigeres Risiko später Krebs zu bekommen?“

Eine Studie von 2014 untersuchte 30 Frauen, die prämenopausal bzw. postmenopausal waren. Gegenstand der Studie war laut Messina der Vergleich von hohem und niedrigem Konsum von Soja. Ein hoher Konsum bei den Teilnehmern mit westlicher Ernährungsweise hinge nicht mit einem minimierten Risiko von Brustkrebs zusammen. Aber im Gegensatz dazu, führe ein hoher Konsum von Soja bei den asiatischen Frauen sowohl bei den prämenopausalen als auch bei den postmenopausalen zu einer Reduktion des Risikos um 40 Prozent.

Warum wirkt Soja in Asien anders als im Westen?

„Im Westen wird einfach zu wenig Soja gegessen, um die Vorteile zu haben. Die Aufnahme von Isoflavonen im Westen beträgt weniger als 2 Milligramm pro Tag. Und um seine Wirksamkeit entfalten zu können, muss das Soja früh im Leben konsumiert werden. Es ist sehr schwierig, hilfreiche Einsichten in die Wirkung von Soja zu bekommen, wenn man sich im Westen umsieht, da hier zu wenig Soja gegessen wird“, bedauert er.

Aus der EPIC-Oxford-Studie und der Adventistenstudie ließen sich Erkenntnisse zu diesem Thema ableiten: „Wenn sie sich die EPIC-Oxford-Studie ansehen, dann gab es einige Berichte über Vegetarier und insbesondere die Frauen in dieser Studie haben ähnliche Mengen von Soja konsumiert, wie man sie auch in Japan findet. Für diese Analyse hatten wir 37.000 Frauen beobachtet. Sie wurden in 2 Gruppen eingestuft, je nachdem wie viel Soja sie gegessen haben und die vergleichbar ist mit denen aus epidemiologischen Studien aus Asien.“

Es gäbe keinen Hinweis darauf, dass Soja in dieser Gruppe das Risiko minimiere: „Diese Vegetarier haben ihr Ernährungsverhalten wahrscheinlich als Erwachsene angenommen und im jungen Alter noch kein Soja gegessen. Das deckt sich mit der zweiten Erklärung, dass man frühzeitig mit dem Konsum von Soja anfangen sollte. Dies wurde erstmals 1995 festgestellt und untersucht es jetzt seit mehr als 20 Jahren. In Tierversuchen und epidemiologischen Studien fand man Anhaltspunkte für diese Theorie.“

Vier Studien untersuchten diese Theorie, zwei in China und zwei in den Vereinigten Staaten und an allen Studien nahmen Frauen mit asiatischem Hintergrund teil. Hier wurde der hohe Konsum von Soja im frühen Stadium anhand von Befragungen untersucht. Aßen die Teilnehmerinnen bereits in jungen Jahren viel Soja, also eine bis anderthalb Portionen Soja pro Tag, so hatten sie ein um 20 bis 26 Prozent reduziertes Risiko für Brustkrebs im späteren Leben.

„Ich denke, dass Isoflavone bei der Entwicklung der Brust dazu führen, dass die Brustzellen sich so verändern, dass sie später im Leben unwahrscheinlicher in eine Krebszelle verwandelt werden können. Obwohl diese Theorie noch spekulativ ist wegen fehlender klinischer Daten, empfehle ich, dass Mädchen jeden Tag eine Portion Soja bekommen.“

Können Brustkrebspatientinnen Soja essen?

„Das wird seit 20 Jahren sehr heiß debattiert. Ich freue mich, dass ich nun sagen kann, dass die Daten uns nun erlauben, diese Kontroverse endlich aufzulösen. Die größte klinische Studie, die jemals in diesem Bereich durchgeführt wurde, mit 10.000 Teilnehmerinnen fand heraus, dass Östrogene nicht die Entwicklung von Krebs fördern. 5.000 Frauen bekamen Östrogene als Therapie. Unabhängig vom Alter, hatten die Frauen der Östrogengruppe ein vermindertes Risiko. Wenn Östrogene nicht die Entwicklung von Brustkrebs fördern, ist es sehr unwahrscheinlich, dass dies Isoflavone tun,“ erzählt Messina.

Klinische Studien haben die Wirkungen von Isoflavonen und Sojanahrungsmitteln beim erneuten Auftreten von Brustkrebs und den Todesfällen von Brustkrebspatientinnen untersucht. Zudem haben sie bei gesunden Frauen, Risikofrauen und Brustkrebspatientinnen erforscht ob Isoflavone und Sojanahrungsmittel sich auf Brustkrebs-Marker auswirken. Krebs-Marker sind Substanzen, die im Zusammenhang mit Krebs entstehen und im Blut nachweisbar sind. Durch Mammografie wurde die Zell-Dichte und das Zellwachstum (Brustzellproliferation) bestimmt. Vor und nach der Behandlung mit Isoflavonen wurden Gewebeproben von der Brust genommen (Biopsie). Ansonsten mussten alle Aspekte die Krebsbehandlung so bleiben wie sonst, weil sonst das Studienergebnis verfälscht würde. Wenn die Zellproliferation zunimmt, weil es keinen DNA-Schaden gibt, dann bedeutet das, dass das Risiko an Brustkrebs zu erkranken, zunimmt.

„Bei all diesen Studien wurde herausgefunden, dass Soja absolut keine negativen Auswirkungen auf das Brustgewebe hatte. Das ist ein sehr sehr starkes Argument dafür, dass Sojanahrungsmittel sicher sind. Außerdem ist es so, dass die Menge von Isoflavonen, die den Frauen bei dieser Studie gegeben wurde, viel höher war, als das, was man normal verspeisen würde. In sechs Studien sahen sich Wissenschaftler die Wirkung von Isoflavonen auf Brustkrebs an. In Japan konsumieren die Frauen etwa 30 bis 50 Milligramm Isoflavone am Tag. Hier aßen die Frauen mehr als 100 Milligramm am Tag. Selbst bei einer Studie, in der die Frauen 250 Milligramm bekamen, was 50 Portionen Soja am Tag entspricht, gab es keine Auswirkungen.“

Wenn man eine Hormontherapie mit Progestinen kombiniere, sei eine Erhöhung der Brustzellen um den Faktor 4 bis 10 zu erkennen, was später das Krebsrisiko erhöhe: „Es ist also nicht überraschend, dass die American Cancer Society und das American Institute of Cancer Research zur Schlussfolgerung gekommen sind, dass Soja ein sicheres Nahrungsmittel für Brustkrebspatientinnen ist. Der gleichen Meinung ist auch die European Foodsafety Authority, die Lebensmittelsicherheitsbehörde, was in Deutschland 2010 veröffentlicht wurde. Sie veröffentlichten, dass Isoflavone keine negativen Auswirkungen auf das Brustgewebe von postmenopausalen Frauen haben.

International stellten wir fest, dass der Verzehr von Soja die Überlebenschancen von Brustkrebspatientinnen erhöhen kann. Viele epidemiologische Daten zeigen, dass Patientinnen die nach der Diagnose Brustkrebs anfangen Soja zu essen, eine bessere Prognose haben. In einer 2014 veröffentlichten Analyse wurden drei Studien in China und zwei in den USA untersucht, bei der die Frauen im Zeitraum von 3,9 bis 7 Jahren beobachtet wurden.“

Hier sei eine 60-prozentige Reduzierung der Todesfälle aufgrund von Brustkrebs zu erkennen gewesen: „Wenn sie also nach der Diagnose viel Soja essen, hat es eine schützende Wirkung! Sojanahrungsmittel konnten auch den negativen Wirkungen des Medikamentes Tamoxifen entgegen wirken. Also unterstützt Soja die Wirkung des Medikamentes positiv. Eine Ernährung mit viel Soja senkt das Risiko für Rückfälle bei Krebs um 25 Prozent und bewirkt ein um 15 Prozent vermindertes Sterblichkeitsrisiko,“ betont er.

Mark Messina befasst sich als Autor intensiv mit diesen Themen und hat mehr als 80 Artikel in Fachzeitschriften und Fachbüchern veröffentlicht. Dr. Messina ist Vorsitzender des Redaktionsbeirats von The Soy Connection. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für den vierteljährlichen Newsletter, der mehr als 250.000 Gesundheitsspezialisten erreicht. Er ist Co-Autor von “The Simple Soybean and Your Health” (Avery Publishing Group, 1994), “The Vegetarian Way” (Crown Publishers, 1996), and “The Dietitian’s Guide to Vegetarian Diets: Issues and Applications” (Aspen Publishers, 1996; Jones and Barlett, 2004, 2010). Zehn internationale Konferenzen zu Soja-Nahrungsmitteln wurden von Dr. Messina organisiert und er hat über 500 Vorträge in über 50 Ländern vor Fachpublikum gehalten.


Mehr Informationen

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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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