VegMed 2016: Prof. Dr. Claus Leitzmann über Sekundäre Pflanzenstoffe!

Logo-Serie-VegMedIch habe mich sehr gefreut, auf der VegMed 2016 an der Freien Universität Berlin Ende April unter anderem einem Vortrag von Professor Dr. Claus Leitzmann lauschen zu können. Er zählt zu den wohl beliebtesten und bekanntesten veganen Ernährungsberatern. Leitzmann, geboren 1933, ist Gründer des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung und war am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen tätig.

In seinem Vortrag ging er auf die Wirkungen und Vorteile der Sekundären Pflanzenstoffe ein. Es gibt von ihnen mindestens 100.000 verschiedene und sie werden nur von Pflanzen gebildet. Sie dienen ihr unter anderem als Abwehrstoffe gegen Schädlinge und Krankheiten, Wachstumsregulatoren, Sonnenschutz und Farb- und Duftstoffe. Sie bestehen aus einer Fülle chemisch sehr unterschiedlicher Verbindungen, kommen nur in sehr geringen Mengen vor und üben pharmakologische Wirkungen aus. Die bekanntesten unter ihnen sind Carotinoide, Phytosterine, Saponine, Glucosinolate, Polyphenole, Proteaseinhibitoren, Terpene, Phytoöstrogene, Sulfide und Phytinsäure.

Prof. Dr. Claus Leitzmann
Prof. Dr. Claus Leitzmann

Langjährige Erfahrungen und umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ihr großes Potenzial zur Vorbeugung vieler Krankheiten und Stärkung der Gesundheit. Ihre Eigenschaften reichen von antikanzerogen, antimikrobiell, antioxidativ, antithrombotisch, immun modulierend, entzündungshemmend, verdauungsfördernd bis hin zu der Fähigkeit, den Blutdruck sowie den Cholesterin- und Blutglukosespiegel zu senken.

Die Daten wurden überwiegend in epidemiologischen Studien gewonnen. Auch wenn diese Studien teilweise mit hunderttausend und mehr Teilnehmern durchgeführt wurden, können sie nur Hinweise und keine Beweise liefern. In einigen Fällen sind diese Hinweise allerdings so stark, dass sie als Beweise gelten können. Aussagekräftige Daten liegen inzwischen unter anderem vor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Bluthochdruck, Infektionen und Immunabwehr.

Vorteile der Sekundären Pflanzenstoffe

Die schützenden Wirkungen der Sekundären Pflanzenstoffe sind besonders effektiv, wenn eine bedarfsgerechte Versorgung mit allen essenziellen Nährstoffen gewährleistet ist – wie beispielsweise mit einer veganen oder vegetarischen Ernährung. Diese Stoffe kann man mit dem Verzehr von Pflanzen nicht überdosieren – wohl aber mit den im Handel erhältlichen Supplementen.

„Wenn ein Kongress zu pflanzlicher Ernährung stattfindet, dann ist es wichtig, zu benennen, warum die Pflanzen so wichtig in der Ernährung des Menschen sind. Auf der einen Seite finden sich die Ballaststoffe nur in pflanzlichen Lebensmitteln. Wir wissen, wie wichtig die Ballaststoffe sind. Wenn Sie mehr Ballaststoffe aufnehmen möchten, geht es nicht mit tierischen Produkten. Diese enthalten null Ballaststoffe, Sie müssen mehr Pflanzen essen.

Und die zweite Gruppe sind die Sekundären Pflanzenstoffe, die verschiedene gesundheitliche Wirkungen haben. Sie wurden in den letzten 20 Jahren relativ intensiv erforscht. Aber wir wissen noch längst nicht alles über diese interessante Pflanzengruppe.“

Prof. Dr. Claus Leitzmanns Vortrag Leitzmann erzählt weiter, dass unsere nächsten Verwandten im Tierreich uns genetisch sehr sehr ähnlich seien und sich zu 95 bis 98 Prozent pflanzlich ernähren: „Auch die alten Kulturen haben sich überwiegend von Pflanzen ernährt. Es wird ja oft darüber gesprochen, dass die menschliche Kultur auch deshalb entstanden ist, weil der Mensch gelernt hat, Fleisch zu essen. Aber es spricht auch einiges dagegen und auch dies spricht dafür, dass es vielleicht die Pflanzen waren und nicht das Fleisch, was diese Kulturleistungen vollbracht hat.“

National GeographicSchon 1983 veröffentlichte die Zeitschrift National Geographic ein Schaubild mit der Überschrift: „Krebs, reduzieren Sie ihr Risiko.“ Dazu erklärte Leitzmann: „Es heißt nicht, dass man sich vor Krebs schützen aber, dass man das Risiko deutlich senken kann. Aber wenn Sie sich die Lebensmittel hier anschauen, können Sie lange nach einem tierischen suchen. Nicht mal der Heilbutt taucht hier auf, dem würde man das ja noch am ehesten zutrauen. Damals wusste man schon sehr viel über Vitamine und Mineralstoffe, aber nur sehr wenig über Sekundäre Pflanzenstoffe. Heute wissen wir, dass gerade diese eine ganz entscheidende Rolle spielen.“

Die Wassermelone als Lieferant von Lykopin

Carotinoide wirken antikanzerogen, antioxidativ, immun modulierend und cholesterinsenkend. Zu ihnen zählen Lykopin und Betacarotin: „Tomaten enthalten 10 bis 15 Milligramm Lykopin pro 100 Gramm und Karotten 6 bis 8 Milligramm pro 100 Gramm. Der Körper braucht davon nur 1 bzw. 2 Milligramm am Tag. Lykopin steckt auch zu einem sehr großen Teil in der Wassermelone. Wenn man sich die Carotinoide genauer anguckt, sieht man, dass das Betacarotin vor allem in der Aprikose vorkommt und nicht in der Karotte, wo man es vermuten würde,“ so Leitzmann weiter.

Carotinoide in den PflanzenBeim Gemüse sei das Lutein und Zeaxanthin im Grünkohl: „Im Laufe des Vortrages werden Sie merken, dass Grünkohl mein Favorit ist, weil es sich lohnt, dieses Lebensmittel öfter zu essen. In Norddeutschland, wo ich herkomme, gab es im Winter Grünkohl als Standardgericht und wo ich jetzt wohne, in der Frankfurter Gegend, ist es kaum bekannt. Es ist schon interessant, wie groß die regionalen Unterschiede sind.“

In der Nurses Health Study aus dem Jahre 2000 wurde untersucht, inwieweit die Carotinoide beim Lungenkrebs eine Rolle spielen. Hier werde deutlich, dass besonders dass Alphacarotin das Risiko um 30 Prozent senken konnte: „Die Bioverfügbarkeit von Betacarotin ist besonders in gekochten Karotten am besten. Denn hier wird es vom Körper zu 25 Prozent resorbiert und nur zu 3 Prozent aus rohen. Also sollte man Karotten roh und gekocht essen. Denn wir essen die Karotten ja nicht nur wegen der Carotinoide, sondern auch für die Ballaststoffe. Und die werden beim Kochen deutlich vermindert,“ erklärt Leitzmann.

Eine Supplementierung mit Carotinoiden habe in einer Studie dazu geführt, dass diese abgebrochen werden musste. Man stellte fest, dass eine Supplementierung mit Betacarotin eine Steigerung der Krebsrate bewirkte.

Lieber Trauben essen als Rotwein trinken

SupplementeAm bekanntesten unter den Phytoöstrogenen sei das Resveratrol, was in Trauben und Rotwein vorkomme: „Beim French Paradoxon hat man festgestellt, dass die Franzosen wesentlich mehr Fett essen als die US-Amerikaner und trotzdem deutlich weniger koronare Herzkrankheiten hatten. Bei den Untersuchungen kam heraus, dass es am Rotwein liegen muss. Die Franzosen trinken 10x mehr Rotwein als die Amerikaner.

Die Asiaten nehmen deutlich höhere Mengen Phytoöstrogene auf als die Menschen im Westen. Dort kommen Krebsarten wie Prostatakrebs wesentlich seltener vor. Diese Pflanzenstoffe haben auch biologisch einige Vorteile, wie eine geringere Toxizität, fast keine Nebenwirkungen und neben den antioxidativen Eigenschaften wirken sie auch epigenetisch. Dies wird immer wichtiger. In neuen Untersuchungen stellt man fest, dass die Epigenetik durch Sekundäre Pflanzenstoffe beeinflusst wird.

Flavonoide kommen auch in Trauben und Rotwein vor. Jedoch ist ihr Anteil in Traubensaft höher als in Rotwein. Ich rate dazu: Essen Sie mehr Trauben! Gut kauen! Denn die meisten Substanzen sind in der Schale. Wer Rotwein trinken will, kann das gerne machen. Aber nicht mit der Entschuldigung, er wolle gerne viele Sekundäre Pflanzenstoffe zu sich nehmen. Dann sollte er lieber die Trauben essen,“ empfiehlt er.

Bitterschokolade am besten ohne Milch geniessen

Depots der sekundären PflanzenstoffeBindungsproteine würden für Flavonoide eine besondere Rolle spielen. So enthält Kakao hohe Konzentrationen des Flavonoids Epicatechin und anderer Antioxidantien. Epicatechin schützt vor freien Radikalen: „Milchproteine bilden Komplexe mit den Flavonoiden, weshalb Milchschokolade praktisch keinen Einfluss hat auf die Konzentration der Antioxidantien im Blut. Der gleichzeitige Konsum von Milch verhindert auch den positiven Effekt von Bitterschokolade. Essen Sie also Bitterschokolade ohne ein Glas Milch dazu!

Grüner oder schwarzer Tee sollte übrigens auch ohne Milch oder Sojamilch getrunken werden – nur so können die darin enthaltenen Catechine ihre positiven Wirkungen entfalten. Übrigens trinken 98 Prozent der Engländer ihren Tee mit Milch!“

Einen wichtigen Tipp hat Leitzmann noch: „Obst schälen ist ein Kunstfehler, denn dadurch sind die gesundheitlichen Vorteile zerstört – es sei denn, man isst die Schale trotzdem!“

Vorteile der veganen RohkostZum Schluss fasste Leitzmann noch zusammen: „In fast allen wissenschaftlichen Studien kam heraus, dass der Fleischverzehr reduziert werden sollte. Das ist die Message von all diesen Untersuchungen. Wie viele Studien zeigen, dass pflanzliche Lebensmittel schädlich sind? Nur sehr wenige! Und wie viele gibt es, die zeigen, dass tierische Lebensmittel gefährlich sind? Fast alle! Es ist schon überwältigend! Deshalb ist man so enttäuscht, wenn sich die offiziellen Institutionen doch sehr zurückhalten, die Vorteile der vegetarischen und veganen Ernährung zu verkünden. Aus der Untersuchung von über einer halben Million Dokumente kam heraus, dass pflanzliche Lebensmittel den Hauptteil der täglichen Nahrung ausmachen sollten.“

Es ist keine Schande nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen. (Sokrates)

„Wir Ernährungsberater haben ja die leidvolle Erfahrung gemacht, dass es eine beratungsresistente Bevölkerung gibt. Die, die es am nötigsten haben, die erreichen wir nicht. Die meisten die wir erreichen die wissen schon sehr viel und wollen bestätigt bekommen, dass das was sie wissen auch richtig ist.“

Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun. (Johann Wolfgang von Goethe – abgekupfert von Leonardo da Vinci: Knowing is not enough; we must apply. Being willing is not enough; we must do.)


Mehr Informationen

VegMed
VegMed 2016: Prof. Dr. Mark Messina über die Wirkung von Soja auf Brustkrebs
Institut für alternative und nachhaltige Ernährung
Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen

Folge mir

Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
Folge mir

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.