Rezension: 10 Milliarden – wie werden wir alle satt?

10 Milliarden
Quelle: Prokino

Als ich Prokino anschrieb, ob ich den Film „10 Milliarden – wie werden wir alle satt?“ rezensieren darf, dachte ich, dass sich der Film bestimmt intensiv mit dem Thema vegane oder vegetarische Ernährung auseinandersetzen wird. Denn wie wir Veganer ja schon längst wissen, ist der Fleischkonsum der Hauptverursacher von Kohlendioxid in der Atmosphäre, der Abholzung des Regenwaldes und der Ungleichverteilung der Getreideernten.

Wie sollen wir 2050 10 Milliarden Menschen ernähren?

Valentin Thurn
Valentin Thurn an einem Stand für gegrillte Insekten in Thailand Quelle: Prokino

Valentin Thurn reist für den Film mit der Kamera durch die ganze Welt und sucht nach verschiedenen Lösungsansätzen. Wer wird uns ernähren? Kleinbäuerliche Gemeinschaften mit traditionellem jahrhundertealtem bewährtem Saatgut oder die Gentechnik der Konzerne? Ist biologischer Anbau ertragreich genug oder essen wir igendwann nur noch Salat aus der Pflanzenfabrik?

Die erste Station des Kamerateams ist Bayer Crop Science in Gent, Belgien. Nur 10 Konzerne beherrschen dreiviertel des Weltmarktes der Saatgutproduktion. Für Liam Condon, Vorstandsvorsitzender Bayer Crop Science, ist es „höchste Zeit zu handeln. Wir brauchen eine Revolution, um die Menschen aufzuwecken. Wenn wir bis 2030 warten, wird der nächste Krieg vermutlich ums Essen gehen.“

Valentin Thurn: „Als Lösung empfiehlt der Konzern die Gentechnik, natürlich aus dem eigenen Haus. Kaum jemand weiß, dass Bayer mehr Patente auf Genpflanzen hält als jeder andere Saatgutkonzern auf der Welt, auch mehr als Monsanto.“ Weiterhin sagt er, dass Genpflanzen bisher keine höheren Erträge bringen würden und somit kein Schlüssel zur Ernährung der Zukunft böten. Viel schlimmer sei die Diskussion um Gentechnik, denn diese überdecke die Entwicklung des Hybridsaatgutes, welche sich die Konzerne patentieren lassen würden. Dieses Saatgut müssten sich die Bauern jedes Jahr für viel Geld neu kaufen während sie die alten Sorten einfach wieder als Saatgut verwenden könnten.

Was bringt das Hybridsaatgut?

Quelle: Prokino
Quelle: Prokino

Auf einem überschwemmten Feld in Indien sieht man deutlich, dass hier nur die alten Sorten resistent sind. Der Hybrid-Reis von Bayer hat die Überflutung nicht überstanden. Deshalb wurde beispielsweise in Balasore die bäuerliche Saatgut-Bank Navdanya eingerichtet, in der traditionelle Sorten aufbewahrt und an die Bauern verteilt werden. Leiterin Kusum Misra: „Ich will unser altes Saatgut solange wie möglich mit Sorgfalt hüten.“ Auf einem Feld bewahren sie 727 verschiedene Reissorten. „Die Saat sollte den Bauern gehören und keinem Konzern,“ sagt Misra. „Willigen die Bauern einmal ein, sind sie Gefangene der Konzerne. Wie bekommt der Bauer sein Saatgut, wenn die Preise steigen?“ Die Hybride bräuchten mehr Kunstdünger und Pestizide, die Felder würden vergiftet. „Die Menschen verstehen es erst, wenn sie leiden!“

Doch auch der Vorrat an Mineralien für Dünger ist bald aufgebraucht erfährt der Zuschauer von Professor Andreas Gransee, Forschungsleiter der Kali + Salz AG. In 40 bis 50 Jahren ist das Ende des Abbaus von Kunstdünger erreicht. Besser sind Nährstoffkreisläufe, wie sie Felix zu Löwenstein auf seinem Gutshof Habitzheim in biologischem Anbau betreibt. Als Dünger nutzt er die Leguminose Kleegras, welche er wieder unterpflügt. Die meisten Leguminosen gehen in ihren Wurzelknöllchen eine Symbiose mit stickstofffixierenden Bakterien, auch Rhizobien genannt, ein. Dadurch tragen sie zur Fruchtbarkeit des Bodens bei. „Hier spritzt ein Bauer im Durchschnitt etwa 160 Kilo Stickstoff pro Hektar, wovon etwa 90 bis 100 Kilo gar nicht bei der Pflanze ankommen. Der Rest geht als Nitrat ins Grundwasser, Stickoxide in die Luft und lässt die Meere umkippen,“ so zu Löwenstein.

Ein Biobauer hat etwa ein Viertel weniger Ertrag, arbeitet jedoch nachhaltig. Was ist hier besser? Eine große Gefahr ist auch der Hunger nach Fleisch in den Ländern mit traditionell vielen Vegetariern. In Indien und China wächst der Fleischkonsum. Die Inder haben das Konzept von Wiesenhof übernommen und weiterentwickelt. Woher soll das Futter für Millionen Hühner bei Suguna Chicken kommen? Dafür werden in Afrika die Regenwälder gerodet, Soja angebaut und die kleinbäuerlichen Strukturen zerstört. Multinationale Konzerne gehen in die kleinen Dörfer, versprechen den Einheimischen, dass sie die Infrastruktur vor Ort aufbauen und kaufen ihnen ihr Land für 40 Euro pro Hektar ab. Bulldozer fahren anschließend die Dörfer platt und die Menschen fliehen in die Slums der Städte. Von den Versprechen ist keine Rede mehr. Alles für das 2,99 Euro Huhn im Supermarkt.

Kunstfleisch als Lösung?

Valentin Thurn zieht nach etwa der Hälfte des Films ein Resümee und erkennt, dass alle diese Methoden keine Lösung für 10 Milliarden Menschen darstellen. Aber wie kann es gehen?

Quelle: Prokino
Quelle: Prokino

Die Gentechnik-Lachse aus Kanada wachsen zwar schneller, brauchen aber Fische als Nahrung. Die Pflanzenfabriken aus Japan sind zwar sehr effizient verbrauchen aber viel Energie und sind nur für die reichen Länder der Erde geeignet. Genau wie das Cultured Beef Project von der Universität Maastricht. Vor laufender Kamera beißt Professor Mark Post in einen 250.000 Euro teuren Burger aus Kunstfleisch, für das einer Kuh Stammzellen entnommen wurden: „Wenn wir nichts ändern, wird Fleisch zu einem raren Luxusgut werden und dementsprechend sehr teuer,“ sagt er. „Die Kuh ist sehr ineffizient. Für 15g Fleisch müssen sie dem Tier 100g pflanzliche Proteine füttern. Im Labor haben wir weniger Abfall, Kohlendioxid und Methan.“ In 10 bis 20 Jahren seien diese Burger billiger als Fleisch. Thurn gibt jedoch zu Bedenken, dass die Einsparungen nur im Vergleich zur Massentierhaltung zu sehen seien. Besser sei die Bio-Weidehaltung.

Projekte, die Mut machen!

Mary Clear Incredible Edible, Todmorden, England
Mary Clear, Incredible Edible, Todmorden, England Quelle: Prokino

Zum Ende zeigt Thurn einige kleine Projekte von engagierten Bürgern in England, den Vereinigten Staaten und Afrika, die Mut machen. Ich will hier nicht zuviel verraten, aber sie alle haben letztlich eines gemeinsam: Die Lösung scheint die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu sein, ohne globale Konzerne, sondern so wie sie schon unsere Urgroßeltern betrieben haben: Wir müssen wieder zurück zu den vergessenen Wurzeln!

Leider spielte die vegane Ernährung nur eine sehr kleine Nebenrolle in dem Film. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ihre Rolle bald weiter ausgebaut werden wird. Wir brauchen nur etwas Geduld!


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Katrin Luber

Online-Redakteurin & Social Media Managerin bei Ist das vegan oder kann das weg?
Ich bin Katrin Luber, lebe seit Oktober 2014 vegan und startete diesen Blog im September 2015. Leser finden hier nützliche Informationen rund um das vegane Leben direkt aus der Praxis. Mein Anspruch ist es, aufzuklären und zu überzeugen, ohne erhobenen Zeigefinger. Ich wünsche vor allem viel Spaß beim Lesen 😉
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